Von Dieter Bachmann Auf dem Weg von Zürich ins Tessin legt das Ehepaar in Thusis einen Halt ein. Er ist 52, Architekt, sie 12 Jahre jünger und Kunsthistorikerin; im Restaurant in Thusis treffen sie zufällig seine Nichte, die vom Tod des Stiefvaters erzählt. Er hat, in Distanz zu seinen Eltern lebend, nichts von diesem Hinschied gehört, und jetzt bringt die Zufallsbegegnung einen Erinnerungsprozeß in Gang, der überfällig war. Stephan, der Architekt, beginnt nachzusinnen über seine Mutter, seinen Vater; im Kräftefeld von Vater, Stiefvater, Mutter, Bruder beginnt er seine eigene Position abzustecken.

In einem Roman von Walter Matthias Diggelmann ist dies ein ganz und gar nicht überraschender Einstieg.

Wenn das Wort von der „vaterlosen Gesellschaft“ stimmt, dann muß es, quasi als Reaktion auf diesen Mangel, in der Literatur auch jene Autoren geben, bei denen sich Vatersuche und Vatersehnsucht artikulieren. Neben den Rebellen, die sich gegen die Autorität des Vaters (und der Mutter) auflehnen, also auch jene anderen, denen nichts so sehr abgeht wie eben diese Autorität – anders gesagt: die Möglichkeit, Eltern zu lieben.

Manchmal gibt es auch beide, den Rebellen und den Anlehnungsbedürftigen, in einer Person; so einer ist der Schweizer Schriftsteller Diggelmann. In rund 15 Romanen und Erzählungsbänden gibt es da eine ganz schöne Menge von Figuren, Schicksalen, Geschichten, viele davon sehr direkt und unzimperlich aus dem Strom des täglichen Geschehens gefischt, mithin auch eine Menge von Themen, wie die Zeit sie mit sich brachte – aber es gibt, sehr deutlich, auch die Konstante. Nichts hat Walter Matthias Diggelmann so heftig, so inständig und auch so verzweifelt gesucht wie einen Vater. Hätte er einen gehabt, er wäre nie der Schriftsteller geworden, der er ist; hätte er einen gefunden, er hätte aufgehört, ein Schriftsteller zu sein.

Seine Liebesgeschichten, seine Sozialkritik, noch seine Romantik des Aufbegehrens sind nie etwas anderes gewesen als Umwege zu einem Ziel, das ihm selbst zwar nie vollkommen klar, aber immer spürbar gegenwärtig gewesen sein muß. „Sicherheit, Geborgenheit“ stehen als weithin leuchtende Stichwörter in seinem jüngsten Buch; es ist die notwendige Kehrseite seines flackernden Zorns, mit dem er immer wieder Aufbegehrende beschwört. Wer immer bei Diggelmann ausflippt, tut es weniger aus Überdruß denn aus einem existentiellen Mangel: dem an erfahrener und verarbeiteter Autorität.

Psychologie, um einem Irrtum vorzubeugen, ist hier nur am Rand gemeint; die psychische Konstellation allein, auch wenn sie mit einer kollektiven Erfahrung einhergeht, begründet noch keine Literatur. Es gibt bei Diggelmann nicht nur das Leiden, sondern, vielleicht als dessen Korrelat, auch ein Engagement für den Schwächeren, das sich dann auch als Engagement auf der politischen Linken äußert. Und es gibt einen Lebenshunger (und Abenteuerdurst), rücksichtslos und chaotisch, ungebändigt und unangepaßt, jene jungenhafte Unbedingtheit, bei der das Infantile und das Genialische nah beieinander wohnen.

Mit den Literaten, den Akademikern und den Lehrern unter den Schriftstellern – und wo gibt es so viele davon wie in der zeitgenössischen Schweizer Literatur? – hat er nie etwas zu tun haben wollen; lieber stellt er sich dumm, als daß er zugäbe, einer, der in Sätzen Welt abbildet, müsse notgedrungen ein Intellektueller sein. Das ist seine Qualität und seine Grenze: die Absenz von so etwas wie Kunstverstand bringt immer wieder direkte, griffige, lebensnahe Figuren hervor – und verursacht jene Qualitätsstürze, für die sein vorletzter Roman, „Der Reiche stirbt“, ein erschreckendes Zeugnis ist.