Von Michael Jungblut

Überraschender könnte die Antwort kaum sein: „Wir sind mit der Senkung der Reallöhne einverstanden, weil wir wissen, wie die wirtschaftliche Lage unseres Landes ist.“ So erklärt Spitzenfunktionär Bareto vom portugiesischen Gewerkschaftsverband Intersindical, warum selbst seine Organisation – nach Ansicht des ehemaligen Ministerpräsidenten Mario Soares nichts anderes als ein „Treibriemen der Kommunisten“ – die harten Lohnleitlinien der Regierung stillschweigend akzeptiert.

Die Kommunisten wissen, daß sie mit Agitation und Ideologie heute bei den portugiesischen Arbeitnehmern auf taube Ohren stoßen. Denn überall im Lande herrscht nach dem Rausch, der dem Umsturz vom 25. April 1974 folgte, nun Katerstimmung: Die führenden politischen Köpfe grübeln darüber nach, wie die Verfassung von einem Revolutionsmanifest zu einem Grundgesetz nach westeuropäischem Vorbild umgestaltet werden kann; die Parteien fragen sich, wie sie verhindern können, daß in Portugal ein Präsidialsystem entsteht, während ihnen selber der Einfluß auf die politische Entwicklung immer mehr entgleitet; die Bevölkerung sorgt sich um die Arbeitsplätze und den ohnehin sehr bescheidenen Lebensstandard und leidet unter der starken Inflation.

„Die Revolution konnte zu keinem schlechteren Zeitpunkt stattfinden“, urteilt Notenbankchef Silva Lopez. „Da sie mit dem Beginn der weltweiten Wirtschaftskrise zusammenfiel, wurden unsere inneren Probleme noch verschärft. Das macht es uns schwer, unsere Wirtschaft wieder zu stabilisieren.“ Und läßt viele seiner Landsleute am Segen der Demokratie zweifeln.

Die Portugiesen hatten nicht wie ihre spanischen Nachbarn einen König, der das Land behutsam und zielstrebig zugleich auf den Weg der Demokratie führte. In Lissabon wurde die „Revolution der Nelken“ von einer Gruppe junger Offiziere inszeniert, die keine gemeinsamen Vorstellungen über die politische und wirtschaftliche Zukunft hatten. Zudem fegte die „Furie der Forderungen“ (Mario Soares) durchs Land: In zahlreichen Industriebetrieben übernahmen Arbeiterräte das Kommando, Landgüter wurden besetzt, Banken und zahlreiche Unternehmen verstaatlicht, Entlassung und Aussperrung verboten, der Urlaub verlängert und die Löhne und Gehälter drastisch erhöht –, zum Teil um hundert Prozent. 1975 waren daraufhin allein die Verbrauchsabgaben der Portugiesen höher als ihre gesamtwirtschaftliche Leistung.

Firmenzusammenbrüche, ein riesiger Subventionsbedarf der nationalisierten Betriebe, eine Verfünffachung der Staatsverschuldung in fünf Jahren, Schwindsucht der Devisenreserven und – für den kleinen Mann am schmerzlichsten – eine galoppierende Inflation und 14 Prozent .Arbeitslosigkeit zwangen dann aber sehr bald dazu, das Ruder herumzuwerfen.

Um Lohn und Leistung wieder ins Gleichgewicht zu bringen und die mit den Kreditzusagen der Weltbank verbundenen Auflagen zu erfüllen, mußten die portugiesischen Regierungen zu drastischen Maßnahmen greifen. In den vergangenen drei Jahren wurden die Lohnerhöhungen weit unterhalb der Inflationsrate festgelegt. Notenbankchef Lopez rechnet vor, daß die Arbeitnehmer auf Grund dieser Lohnpolitik einen Rückgang ihres realen Einkommens um zwanzig Prozent hinnehmen mußten – und das in einem Land, in dem beispielsweise eine Arbeiterin in der Elektroindustrie ganze 400 Mark im Monat verdient.