Das Theater kann wie eine Höhle sein oder ein Bunker; ein dunkler, fensterloser Raum, abgeschirmt von Licht und Lärm, von den Ereignissen draußen; eine geheimnisvolldüstere Gegenwelt, in der die Theaterleute, Höhlenmenschen, sich mit rätselhaften Zeichen verständigen, nach einer Zeitrechnung leben, die außerhalb der Höhle längst außer Kraft gesetzt ist.

Wer nach Düsseldorf ins Theater kommt, vom Hauptbahnhof zum Schauspielhaus läuft, geht vorbei an Kulissen ausdrucksloser Weitläufigkeit, Szenen fader Betriebsamkeit. Eine normalscheußliche deutsche Metropole, eine Stadtlandschaft ohne Vergangenheit, ohne Zukunft.

Man ist, nach diesem Gang durch bunte, laute, leere Bilder erst einmal erleichtert, wenn das Theater wie ein Fluchtort ist, man dort einen Blick tut ins kaum noch Sichtbare, kaum noch Wahrnehmbare: auf eine dunkle, fast leere Bühne, auf der zunächst fast gar nichts, nur Dunkles passiert. Der Bühnenbildner Erich Wonder hat seine erste „eigene“, von einem Stück, einem Regisseur unabhängige Theaterarbeit gezeigt: Er nennt sie eine „Performance“ und gibt ihr den Titel „Rosebud“.

Das Theater, man sieht es jetzt auch bei Wonder, wird immer dunkler, immer langsamer. Das könnte eine ästhetische Marotte sein, ist aber mehr: Antwort auf eine Realität, die immer grellere Bilder, immer größere Geschwindigkeiten produziert; Rückzug in eine Zeit, in der man selber noch Zeit hatte und keine Termine, in die Kindheit, ihre Bilder und Ängste.

Sich eine Höhle bauen. Oder sich die Decke über den Kopf ziehen. Oder Theater machen. Lauter Versuche, sich spielend vor der Wirklichkeit zu verbergen – und die Hoffnung, dabei die Wirklichkeit des Verborgenen zu entdecken.

„Rosebud“ sagt sterbend Charles Foster Kane in Orson Welles’ legendärem „Citizen Kane“, ein Rätselwort. Am Ende des Films wird das Rätsel gelöst – oder auch nicht: Ein alter Kinderschlitten Kanes wird verbrannt, in den Flammen erkennt man das Wort, das auf dem Schlitten steht, „Rosebud“.

„Rosebud“ sagt in Wonders Performance Fritz Schediwy, der einzige Mensch auf der Bühne; er sagt es zu einer dunklen, überlebensgroßen Schattenfigur, die auf eine Plastikwand gemalt ist. Dann rinnt Regen (oder ist es Säure?) über die Wand, zerfrißt sie, löst sie auf – der Schattenmann schmilzt, so ähnlich, wie Kanes Kinderschlitten verbrennt. Sodann, als wäre es ein Begräbnis, streut Schediwy rote Rosen auf den Bühnenboden, fällt Schnee vom Himmel, heult der Wind. Die Veranstaltung, die so untheaterhaft wie nur denkbar begonnen hatte, hat einen Theaterhöhepunkt – ist dem allzu Bedeutsamen, allzu Kitschigen gar nicht mehr fern.