Von Rolf w. Schloss

Der Zufall will es, daß in diesen Wochen, da Abertausende durch den Fernsehfilm „Holocaust“ aufgewühlt wurden, Inge Deutschkron ihr Buch

„Ich trug den gelben Stern“! Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1979; 216 Seiten, DM 24,–,

vorlegt. Es ist der ganz normale Alltag eines Kindes aus einer typisch deutschen Mittelstandsfamilie, in welche die Hitler-Ära einbricht. Und alles, was bis dahin eine anspruchslose Ordnung hatte – der Lehrerberuf des Vaters, die ihm und seiner Familie selbstverständliche Zuordnung zur damaligen Sozialdemokratie, die Mutter als Hausfrau und Nachbarin, die Tochter als Schülerin wie unzählige andere, die auch Jüdin ist – all dieses Normalitäten des Kindes und seines Familien- und Freundeskreises werden plötzlich ins Scheinwerferlicht gerückt, Plötzlich ist das bis dahin Normale aus der Norm gerissen.

Die Autorin versteht es, ihre Mutter und sich in den Mittelpunkt einer Lebens- und Überlebensgeschichte zu stellen, die Höhen und Tiefen jener Menschen zu schildern, denen die Deutschkrons ihre Verfolgung ankreiden oder denen sie ihre fast „wunderbare“ Rettung verdanken. Hier wird wohl zum erstenmal oft mit Angabe von Namen und Adressen – dargestellt, wieso es überhaupt möglich war, daß nur zwölfhundert Juden – oder angesichts der perfekten Vernichtungsmaschinerie – immerhin zwölfhundert Juden in Berlin, im „Vorhof der Hölle“, überleben konnten.

Typisch für Inge Deutschkrons ehrliche Beschreibung sind diese Zeilen: „Ein kleiner, untersetzter Mann erhob sich von seinem Sitzplatz in der U-Bahn: Ich bitte Sie darum, sich sofort zu setzen, sagte er sehr laut und energisch, indem er mit seiner linken Hand auf den Sitzplatz wies, den er mir anbot. Die meisten anderen Fahrgäste taten so, als hörten sie nichts, Die U-Bahn war voll besetzt wie an jedem Morgen um diese Zeit vor Beginn der Arbeit, Ich war nur eine von vielen, die stehen mußten. Sicherlich hätte der Mann nicht gerade mir seinen Platz angeboten, wenn ich nicht an jenem Morgen das erste Mal einen Judenstern getragen hätte.“

Wäre nicht Otto Weidt, der selber sehbehinderte christliche Beschützer erblindeter Juden gewesen, dem nicht einmal der Weg bis in die Berliner Gestapo-Zentrale zu schwer war, um immer wieder seine Schützlinge zu retten – gewiß hätte Inge Deutschkron uns diesen Bericht nicht übermitteln können. Daß er Mut und Mittel fand, nach Auschwitz zu fahren, um vor dem Tor des Vernichtungslagers wenigstens eine der kurz vor der Vergasung stehenden Frauen zu retten, zeigt dem Leser ein anderes, weithin unbekanntes Deutschland wie auch die Geschichte der Hilfsbereitschaft anderer Berliner – von Bernhard und Grete Sommer, von Walter Rieck oder von der Bäckerin Grüger aus der Droysenstraße 10. Sie alle gehörten, so Inge Deutschkron, zur Gemeinschaft jener tapferen stillen Helden, deren hohes Lied niemals niedergeschrieben werden könne, weil alle, die es tun könnten, nicht mehr am Leben sind.