Atemberaubend wird das Buch erst in den Kapiteln, in denen es seinem Titel „Ich trug den gelben Stern“ untreu wird. Denn Inge und ihre Mutter überleben, indem sie den „Stern“ ablegen, indem sie, von Todesangst und einem geradezu übermenschlichen Einfallsreichtum getrieben, ihr Leben „normalisieren“, Berliner unter Berlinern sind, die Kunst der Mimikry ausschöpfen, sich in Ihrer Lebensweise und ihrem Schicksal dem Leben und Leiden der Berliner Bevölkerung angleichen. Beide erreichen schließlich ihre Legalisierung mit den Ostflüchtlingen, indem sie den vor den anrückenden Russen Fliehenden entgegenfahren und mit ihnen wieder nach Berlin zurückkehren. Hier werden sie als „normale Menschen“ von hilfsbereiten Hitlerjungen und Sozialhelferinnen aufgenommen, mit Lebensmittelkarten und Flüchtlingsausweisen versorgt. So überleben sie, so weitet sich die Schilderung zu einer Tragikomik aus, die unglaubwürdig wäre, würde nicht Inge Deutschkron mit Name und Ruf dafür stehen.

Ihr Buch ist ein Dokument für die Berliner, die halfen und in unmenschlicher Zeit Menschen blieben. Im Vorwort schreibt Klaus Schütz, ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin und gegenwärtig Botschafter in Israel: „Hier erzählt eine junge Berliner Jüdin, einfach und ungekünstelt, wie sie und ihre Mutter das Grauen, die Not und Verzweiflung jener Jahre durch-, lebten und durchlitten. Dabei berichtet sie auch über Berliner, über solche und solche, zuerst und vor allem aber von jenen Menschen, die trotz Terror und Gefahren ihren jüdischen Berliner Mitbürgern in Not geholfen haben. Nach dem Krieg verlieh das freie Berlin diesen Mitbürgern den Ehrentitel des unbesungenen Helden. In diesem Buch wird einiges über sie mitgeteilt, einfach und ohne falsches Pathos und gerade darum beispielsetzend für junge Menschen der Gegenwart.“

Rolf W. Schloss, jahrzehntelang ARD-Korrespondent in Tel Aviv, starb am 10. Februar 1979