Die Betrachtung des Staates als einer Art Reparaturwerkstatt, die immer wieder eingreifen muß, um die von privaten Wirtschaftern begangenen Fehler wiedergutzumachen, findet sich erstmals bei Keynes. Klassische ebenso wie neoklassische Ökonomen haben den Staat weder als „Reparaturwerkstatt“ noch als „Selbstbedienungsladen“ angesehen. Für Adam Smith oder David Ricardo ist der Staat ein aus Gründen von Ordnung und Sicherheit „notwendiges Übel“. Die ökonomischen Zusammenhänge, die ihrer Meinung nach auf unveränderlichen Naturgesetzen beruhen, beeinflußt er nicht. Die Vertreter der „Grenznutzenschule“ haben ihn in ihren Modellen nicht berücksichtigt, Ökonomen wie Eucken betrachten ihn als „Datum“.

Erst in der Beschäftigungstheorie von Keynes erhält der Staat eine aktive Rolle in der Wirtschaft: Er ist für ihn ein „deus ex machina“, der Arbeitslosigkeit durch öffentliche Ausgaben bekämpft. Die Wechselwirkungen, die zwischen Staat und Wirtschaft bestehen, sind von keiner dieser Schulen gesehen worden, ebensowenig wie die Tatsache, daß der Staat selbst für wirtschaftliche Störungen verantwortlich sein kann.

Keynes sucht die Ursache der Arbeitslosigkeit ausschließlich im Verhalten der privaten Wirtschaft. Auf die Idee, daß die wirtschaftliche Katastrophe der dreißiger Jahre auch durch das Verhalten von Staaten und ihren Regierungen mitverursacht sein könne, ist weder Keynes noch seine Schule gekommen. Obschon sich Keynes in den zwanziger Jahren mit den negativen wirtschaftlichen Folgen des Versailler Friedensvertrages eingehend beschäftigt hat, geht er in seiner Beschäftigungstheorie, die 1936 erschien, mit keinem Wort auf das Verhalten Öffentlicher Haushalte in jenen Jahren ein, die der Weltwirtschaftskrise vorausgegangen sind. Hätte er es getan, so hätte er folgendes festgestellt:

  • Einige Staaten geben Einkünfte, die sie durch Steuern dem volkswirtschaftlichen Einkommenskreislauf entziehen, nur teilweise wieder im Inland aus. Das gilt einmal für besiegte Nationen (wie Österreich und Deutschland), die Steuereinnahmen zur Zahlung von Reparationen verwenden, und zum anderen für Siegermächte (wie Großbritannien) oder neutrale Staaten (wie die Schweiz), die aus Steuereinnahmen Auslandsanleihen zurückbezahlen, die sie während des Ersten Weltkrieges aufgenommen haben.
  • Staaten, wie die USA oder Frankreich, deren Zahlungsbilanz nach dem Ersten Weltkrieg aktiv war, legen das ihnen zuströmende Geld still, um die andernfalls durch eine importierte Inflation ausgelöste Unterbeschäftigung – und damit eine „Stagflation“ – zu verhindern.

Öffentliche Haushalte, die im Inland weniger ausgeben, als sie aus Steuern einnehmen, und Staaten, die ihnen zuströmendes Geld stillegen, das ihnen aus den Steuereinnahmen anderer Länder zufließt, beeinflussen das Volumen der Weltbeschäftigung negativ. Staaten waren es auch, die damals den Weltaußenhandel durch ihre Handelshemmnisse auf ein Minimum sinken ließen und damit weiterhin die Weltarbeitslosigkeit forcierten.

Daß Keynes die vom Staat verursachten Störungen völlig vernachlässigt, ist die logische Konsequenz einer Wirtschaftstheorie, welche die Wechselwirkungen, die zwischen Staat und Wirtschaft bestehen, aus ihren Modellanalysen ausgeschlossen hat. Tatsächlich beinflußt nicht nur die Wirtschaft den Staat, sondern auch der Staat die Wirtschaft, und zwar nicht nur in positiven, sondern auch im negativen Sinne, was eigentlich wie Keyen auch die Vertreter der Standkap-Theorie nur partiell in ihre Überlegungen einbeziehen.

Es gibt keinen Staat, der sich nicht Wirtschaft wandelt. Dies zeigen die zahlreichen staatlichen Gesetze, die nach der Entstehung der Fabriken zum Schutz von Kindern und Frauen, aber auch zum Schutz männlicher Arbeiter im Laufe des 19. Jahrhunderts erlassen wurden. Geradezu beispielhaft für den Einfluß der Wirtschaft auf den Staat sind die vielen Staatsgesetze, die unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise in Ländern wie den Vereinigten Staaten, dem Deutschen Reich oder Großbritannien in den dreißiger Jahren entstanden und die soziale und rechtliche Organisation dieser Staaten weitgehend veränderten. Ebenso hat die Luft- und Umweltverschmutzung als Folge der zunehmenden Industrialisierung und Motorisierung die Staaten vor neue gesetzgeberische Aufgaben gestellt. Die noch heute in der Wirtschaftstheorie anklingende Auffassung, daß der Staat ein von der Wirtschaft (und ihrer Entwicklung) unabhängiges Dasein führt, ist nicht aufrechtzuerhalten. Je demokratischer ein Staat regiert wird, beziehungsweise je mehr die Staatsführung die Interessen der Bevölkerung wahrnimmt, desto mehr paßt sich ein Staat den sich verändernden ökonomischen Erfordernissen an.