Von Gert Heidenreich

Die deutsche Unsicherheit bei der Einschätzung rechtsextremistischer Gruppierungen zeigte sich in den Wochen nach dem „Holocaust“-Schock deutlicher als sonst: Angesichts umfangreicher Waffenfunde bei neonazistischen „Wehrsport-Gruppen“ war Nordrhein-Westfalens Polizei „überrascht“; die Gewerkschaft der Polizei (GdP) wies darauf hin, daß die Gefahr von rechts „unterschätzt“ werde. Auch die Medien schwankten zwischen Verharmlosung und Überschätzung. Beide Haltungen verstellen die Sicht auf das Problem; und vor allem der gern herbeigezogene Vergleich mit Weimar erweist sich, weil er innenpolitisch und historisch falsch ist, als untauglich.

Nun ist zum erstenmal eine Dokumentation erschienen, die das Spektrum des Rechtsextremismus in seinem ganzen Ausmaß erkennen läßt:

„Bericht über neonazistische Aktivitäten 1978 – Eine Dokumentation“; mit Beiträgen von Herta Däubler-Gmelin, Bernt Engelmann, Gert Lütgert; Verlag Pressedienst Demokratische Initiative München 1978; 210 Seiten, 6,60 DM.

„Es besteht gegenwärtig kein Anlaß, die zahlenmäßige Bedeutung der in dieser Publikation genannten rechtsradikalen Gruppen und Organisationen zu überschätzen. Beunruhigend, ja alarmierend ist hingegen die Nachsicht der Behörden gegenüber den in diesem Heft dargelegten Vorgängen, die sicherlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben.“ Diese Meinung teilt der hessische Landtagsabgeordnete Gert Lütgert mit den beiden anderen Mitarbeitern des Buches, der Bundestagsabgeordneten Herta Däubler-Gmelin und dem Schriftsteller Bernt Engelmann.

Ihre Dokumentation ist ein demokratischer Aufruf für jeden, der Fakten zu deuten versteht – denn außer den drei einleitenden Beiträgen findet sich im ganzen Band kaum kommentierender Text. Nach Bundesländern geordnet, werden die neonazistischen Aktivitäten, im Jahr 1978 aufgeführt; der zweite Teil nennt die Organisationen, beschreibt ihren Aufbau, ihre Zielsetzung und ihre Verbindungen untereinander; im Teil drei sind „Neonazistische Personen“ samt Vergangenheit und gegenwärtiger Funktion registriert.

Besonders wichtig ist der vierte Teil, der auf rund 50 Seiten „Antifaschistische Aktivitäten“ aufzählt. Freilich ist gerade in diesem Abschnitt auch die schärfste politische Kritik verborgen. Denn aus der Dokumentation geht hervor, daß antifaschistisch aktive Bürger bei legalen Unternehmungen gegen die neuen Nazis nicht immer die Unterstützung der Behörden finden, ja daß die Fälle nicht selten sind, wo Ordnungshüter – so in Frankfurt und Hildesheim – für Neonazis den Weg durch die Reihen von Gegendemonstranten freiknüppelten.