Es Ist ein Bild seiner täglichen Arbeit: Der alte Herr hat zu schreiben aufgehört, sieht zu seiner Frau hinüber, die, in unwirscher Konzentration, seine Manuskripte ins reine überträgt. Früher hat sie ihn selten zur Kur begleitet. Nun, im Neubrandenburgischen Augusta-Bad, braucht er ihre Hilfe. Er muß das Buch rasch vollenden. Seine Kraft läßt nach. Er merkt es daran, daß er nur noch geringfügige Veränderungen erträgt, und die ehelichen Mißhelligkeiten, vor denen er einst davonreiste, jetzt beinahe notwendig scheinen. An Mete, seihe Tochter und Vertraute, schreibt er am 13. Juli 1897: „Schriebe ich noch einen Roman – allerdings undenkbar – so würde ich einen Abschreiber nehmen, coute que coute.“

Er weiß, er wird keinen Roman mehr schreiben, also, auch nach keinem Abschreiber suchen müssen. Dem Manuskript jedoch, das seine von ihm mit zarter und .geübter Ironie ertragene Kopistin nicht aus der „kolossalen Langenweile“ zu reißen vermag, traut er alles zu, hat er alles mitgegeben. Es ist sein Resümee, der Spiegel, den er sich geschrieben hat, um sich, Abschied nehmend, zu erkennen: „Der Stechlin“.

„Zum Schluß stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich – das ist ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht.“ Alles, was Fontane über den „Stechlin“ äußert, trifft zu; und auch wieder nicht. Er ist übermütig, spielt und lockt Zwar ist es ein politischer Roman, aber einer, dessen „Politik“ es lesend zu entdecken gilt; zwar geschieht in dem Buch tatsächlich wenig und doch ist es ungemein spannend.

Fontane hat sich die Geschichte einer gewünschten Existenz geschrieben. Er ist mit Dubslav von Stechlin so verbunden wie der Stechlin-See mit der fernen Welt: „... wenn es weit draußen in der Welt... zu rollen und zu grollen beginnt... dann regt sich’s auch hier, und ein Wasserstrahl springt auf und sinkt wieder in die Tiefe.“ Ähnlich rätselhaft und faßbar ist die Kommunikation zwischen Schöpfer und Geschöpf. „Er war eigentlich recht frei. Wüßt es auch, wenn er’s auch oft bestritt. Das goldene Kalb anbeten, war nicht seine Sache... Er war das Beste, was wir sein können, ein Mann und ein Kind.“ Mit solchen Sätzen möchte Fontane in Stechlin aufgehen; über sich selbst hätte er sie nie schreiben können.

Der Anfang bestimmt in seinem gespannten Gleichmut den Ton. Der sich zum Sterben rüstende, die Unordnungen seiner Umgebung genießende Herr auf Stechlin erwartet seinen Sohn Waldemar und dessen Freunde. Siekommen zu Pferde aus Berlin. Das erwartende Schweigen wird ganz selbstverständlich Zum Gespräch, zum „Geplauder“. Der Alte unterhält sich mit dem Sohn, mit dessen Freunden Czako und Rex, charakterisiert, schwadroniert, überrascht durch Sottisen und Merksprüche, prüft zum Verdruß aller Pathetiker und Besserwisser die Ereignisse der Welt stets an seinen Stechliner Erfahrungen, hält nichts von philosophischem Gardemaß.

Je tiefer man in das Buch gerät, um so mehr glaubt man, einem Selbstgespräch zuzuhören, einem unendlichen, Figuren sammelnden, Figuren verlierenden Monolog, der sich immer wieder in Dialogen verzweigt, im Grunde Dialogen für eine Stimme. Stechlin fordert, eigensinnig und aufmerksam, seine Umgebung zum Reden heraus, und Fontane hört gleichsam zu, und wie der Erzähler Fontane sich zu seinen Figuren verhält, so verhält sich Stechlin zu seinen Verwandten und Bekannten: er treibt sie nie ins Heroische, erniedrigt sie nie um einer dummen Sensation willen, sondern verläßt sich auf ihre Mitgift. Was sie sind, dürfen sie in der Erzählung und im Gespräch sein. Die Lebenshaltung ist zur Schreibweise geworden. Und für Stechlin wird die Redeweise zur Lebenshaltung. Gelassen und mit Einsprengseln von Ironie führt er den jungen Gästen aus der Hauptstadt seinen brüchig werdenden Mikrokosmos vor.

Mit dem elften Kapitel wird ein Kontrapunkt gesetzt. Woldemar kehrt nach Berlin zurück. Der Erzähler wendet sich dem Haushalt des Grafen Barby zu. Und doch bleibt er auch hier, am Kronprinzenufer, in der Nähe Stechlins. Barby wird nämlich als dessen soignierter Zwillingsbruder geschildert. Er ist nur etwas weniger beredt als der provinzielle Marker. Um eine seiner beiden Töchter, Armgard, wirbt Woldemar. Nicht um Melusine. Ihr hat Fontane eine Freiheit aufgetragen, nach der sich alle seine großen Frauengestalten – Cécile, Helene Nimbsch, Mathilde Möhring, Jenny Treibel, Effi Briest – sehnten. Sie ist ihre von Ängsten und Zwängen befreite Schwester, „eine Dame und ein Frauenzimmer dazu Sie hat eine Erinnerung. die sie allein mit dem Autor teilt, eine Geschichte, die im Buch nicht erzählt wird: Fontanes Vorliebe für die Melusinen-Sage, die sich – worauf der bedeutende Fontane-Biograph Hans-Heinrich Reuter hinweist – in „Schach von Wuthenow“ ebenso andeutet wie in der „Jenny Treibel“ und die in dem Fragment „Oceane von Parceval“ scheitert. Da gelang es ihm noch nicht, aus der „Durchschnittsnixe“ eine „exzeptionelle Melusine“ werden zu lassen, aus der irrationalen Erscheinung eine Frau, die mit ihrer „elementarischen“ Kraft das Alte Sprengt und unterm Zuspruch Pastor Lorenzens aufs Neue zugeht. In Melusine hat sich Fontane, schreibend, zum letztenmal verliebt.