Von Carl-Christian Kaiser

Keine Präsidentenwahl, bei der nicht politisches Kalkül kräftig im Spiele gewesen wäre, und kaum eine, vor der es nicht heftige Auseinandersetzungen gegeben hätte. Bereits die Wahl des ersten Staatsoberhaupts, von Theodor Heuss, am 12. September 1949 war kein reines Unschuldsstück. Denn mochte Heuss auch einen profunden Namen besitzen, als Politiker wie als Bildungsbürger, den Ausschlag gab die Vereinbarung, daß die CDU/CSU den Vorsitzenden der Freien Demokraten mit auf den Schild heben würde, um wenige Tage später deren Stimmen bei der Wahl Konrad Adenauers zum ersten Kanzler zu erhalten. Heuss’ Wahl stand am Anfang jenes Bündnisses zwischen der Union und einer damals teils altliberalen, teils nationalliberalen FDP, das die ersten 17 Jahre der Bundesrepublik geprägt hat.

Heuss kam erst im zweiten Wahlgang mit 416 bei 403 nötigen Stimmen durch; auf seinen Gegenkandidaten, den SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher, entfielen 312, auf den überraschend noch vom Zentrum aufgestellten Bewerber Rudolf Amelunxen 30 Stimmen. Die Entscheidung brachte der Zuzug aus dem Lager derer, die sich zunächst unentschlossen gezeigt hatten. Anders fünf Jahre später, am 17. Juli 1954. Die Koalition zwischen der CDU/CSU und FDP hatte sich eingespielt, und vor allem hatte Theodor Heuss breite Reputation gewonnen. Bei seiner Wiederwahl, auf Vorschlag der Union, erhielt er auf Anhieb 871 bei 510 erforderlichen Stimmen. Einen Gegenkandidaten gab es nicht, mit Ausnahme von Professor Alfred Weber, den die Kommunisten gegen seinen Willen benannt hatten.

Die ersten heftigen, wenngleich parteiinternen Auseinandersetzungen entbrannten im Vorfeld der Präsidentenwahl vom 1. Juli 1959. Die Union stand im Zenit ihrer Macht, sie wollte das nächste Staatsoberhaupt stellen. Zuvor aber gab es ein übles Verwirr- und Ränkespiel. Um ihn wegzuloben, brachte Adenauer seinen ungeliebten Nachfolgekandidaten Ludwig Erhard für das Präsidentenamt ins Gespräch; der Wirtschaftsminister wies diesen Vorschlag jedoch, ebenso wie ein größerer Teil der CDU, weit von sich. Statt dessen kam der Gedanke auf, ob nicht Adenauer selber an die Spitze des Staates treten sollte.

Es war eine Sensation, als der Kanzler diesen Gedanken tatsächlich aufnahm, offenkundig in der falschen, freilich von Gutachten genährten Meinung, auch als Bundespräsident die Richtlinien der Politik bestimmen zu können. Indes, der blamable Irrtum wurde bald offenbar, und Adenauer machte seinen Entschluß fast über Nacht rückgängig, wiederum vor allem, um Erhard die Kanzlernachfolge zu verwehren. Aus der peinlichen Verlegenheit ging Landwirtschaftsminister Heinrich Lübke als Bewerber hervor. Im zweiten Wahlgang erhielt er 526 bei 520 nötigen Stimmen; die SPD zeigte mit Carlo Schmid Flagge (386 Stimmen), und Bundestagsvizepräsident Max Becker erzielte als FDP-Bewerber mit 99 Stimmen einen Achtungserfolg.

Nicht nur dem Ansehen des Präsidentenamrs, sondern besonders auch seiner eigenen Autorität fügte Adenauer mit seiner Rochade beträchtlichen Schaden zu. Und im nachhinein erwies sich, daß er, List oder Ironie der Geschichte, zu jenem „Machtwechsel“ beigetragen hatte, der zehn Jahre später eintrat. Denn je länger Lübke im Amt war, desto weniger verhehlte er seine Sympathie für eine Große Koalition. Unter diesem Eindruck waren es gerade die Sozialdemokraten, die am 1. Juli 1964 für Lübkes Wiederwahl sorgten. Sie stellten keinen eigenen Bewerber auf; Ewald Bucher von der FDP erhielt nur 123 Stimmen, während Lübke mit 710 bei 522 erforderlichen Stimmen wieder durchs Ziel ging. Zum ersten Male kam bei der Präsidentenwahl eine Koalitionsperspektive der damaligen sozialdemokratischen Opposition ins Spiel.

Zwei Jahre später wurde die Große Koalition Wirklichkeit, und bei der Präsidentenwahl am 5. März 1969 kündigte sich der endgültige Machtwechsel offen an. Diesmal standen Gustav Heinemann von der SPD und Gerhard Schröder von der Union einander gegenüber. Die FDP, die nach den Stimmverhältnissen den Ausschlag geben mußte, führte keinen eigenen Bewerber ins Feld. Offiziell hielt sie sich zwar bedeckt; in Wahrheit aber schwor ihr Vorsitzender Walter Scheel als Repräsentant des immer stärker gewordenen linksliberalen Flügels ihre Wahlmänner auf Heinemann ein, am Ende unter geradezu dramatischen Umständen. Daß Schröder auf die 22 Stimmen der NPD bauen konnte, die in einigen Ländern kurzfristige Erfolge erzielt hatte, schuf zwischen den beiden Lagern zusätzliche Spannungen.