Es war die 300. Ministerratssitzung dieser Legislaturperiode, und daß es laut Tagesordnung die „300. ordentliche Sitzung“ war, merkte man dann auch an jenem denkwürdigen Dialog, in dem der eine Lehrer dem anderen Lehrer eine schlechte Note erteilte. Ministerpräsident und Ex-Oberstudiendirektor Röder zu Ex-Oberschulrat Jochem, dem Kultusminister, als der schulfreie Samstag debattiert wurde: Diese Vorlage seines Hauses sei miserabel.

Wir hielten den Atem an. Es fehlte nur noch „5, setzen!“. Aber Jochem saß ja schon. Wir, das waren Journalisten, die zum erstenmal als Statisten dabeisein durften, ab Ministerpräsident Röder, seit 20 Jahren Regierungschef an der Saar, wieder einmal eine Sitzung seines Kabinetts leitete. Kein Türke werde gebaut, verhieß Röder den Statisten, der Bürger werde also nicht verkohlt. Nun denn.

Worum ging es? Um die Frage nach den Zukunftschancen von Oberlinxweiler beispielsweise. Ein Abgeordneter hatte sie gestellt, und da sie nun zufällig auf dieser Tagesordnung stand, hätten sich die Minister mit der von ihren Beamten entworfenen Antwort beschäftigen müssen. Doch die Zeit der Sitzung reichte nicht, und so blieb die Zukunft dieses kleinen Ortes im wirtschaftlich bedrängten Land an diesem Vormittag ebenso im Ungewissen wie etwa die Situation des saarländischen Waldes, nach der sich ein anderer Volksvertreter erkundigt hatte, und auch mehr Menschlichkeit im Krankenhaus und bessere Lichtverhältnisse in Klassenzimmern konnten in der Endformulierung nicht versprochen werden. Allzuviel Dringenderes hatte zuvor die Minister beschäftigt.

Wie stehen wir im Saarland zur Geschlechtsumwandlung? Und wie zur Möglichkeit, den Ehenamen weit rückwirkend zu ändern? Themen, die durch den Bundesrat vorgegeben waren.

Was die Ehenamen betrifft, so erleichterte der Regierungschef seinen Ministern eine Vorentscheidung, indem er wissen ließ, daß er und seine Frau – „wir sind jetzt vierzig Jahre glücklich verheiratet“ – den einmal angenommenen Namen behalten wollten. Bei seinen Kindern jedoch, so meinte Röder, habe das mit der Namensentscheidung ja noch Sinn. Dann gleich wieder ganz Politiker: Sei der Koalitionspartner anderer Meinung?

Wirtschaftsminister Werner Klumpp, für die FDP (mit Gesundheitsminister Rosemarie Scheurlen) der Regierung beigetreten, ließ sich beim Koalitions-Tango auf die Namenswahl nicht ein. Dieses Problem sah er bereits im Vermittlungsausschuß. Nach Röders Empfehlung, doch so heißen zu bleiben wie man heißt, fand sich auch niemand, der zum Thema Geschlechtsumwandlung ähnliches raten wollte. Die CDU will, um Mißbrauch zu verhindern, eine hohe Schwelle erreichen, die FDP eine niedrigere, weil, so Klumpp, die Erschwernis nicht rechtens und nicht menschlich sei – also wird die Entscheidung zum Koalitionsfall. „Wenn der Koalitionspartner“, so vernahmen angerührt die Zuhörer, „vom Gewissen her Einwände erhebt, habe ich gar keine Möglichkeit, im Bundesrat anders abzustimmen.“ Und Röder zur Galerie, der sonst nicht vorhandenen: Dies sei einer der ganz wenigen Fälle, in denen man in dieser Koalition unterschiedlicher Meinung sei. Aber da es sich, wie Rechtspflegeminister Rainer Wicklmayr erläutert, in Bonn erst um den „ersten Durchgang“ handelt, sei die Geschlechtsumwandlung zunächst vom Tisch.

Was statt dessen behandelt wurde, sind gewichtige Sorgen im Land, die mit Bundesgesetzen zu tun haben. Eine „Tischvorlage“ ist die Novelle zum Ausbildungsförderungsgesetz, und diskutiert wurde die Frage: Was ist zumutbar? Da geschah es dann, daß Oberlinxweiler doch noch seine Sternstunde hatte. Da wohne jemand in Oberlinxweiler, der meint, empörte sich Röder, ein Arbeitsplatz in Niederlinxweiler, ein paar Kilometer weiter, sei ihm nicht zuzumuten. Im übrigen blieben im Saarland auch viele Ausbildungsplätze unbesetzt, was die Arbeitslosenstatistik für Jugendliche verfälsche,