Die Geschichte antisemitischer Wahnideen

Von Hermann Glaser

Im Jahr 1871 gelang es der neugegründeten Deutschen Anthropologischen Gesellschaft, die verfügbaren Statistiken aller Schädelformen in Deutschland zu speichern; ein Jahr später fügte sie Angaben über Haar- und Augenfarbe hinzu. Auf Anregung Rudolf Virchows wurde beschlossen, die Unterschiede zwischen jüdischen und christlichen Schulkindern zu untersuchen; außer Hamburg unterstützten alle Kultusbehörden der deutschen Bundesländer diese Aktion. Virchow verfolgte damit eine aufklärerische Absicht – was ihm die Angriffe antisemitischer Kreise einbrachte – und wurde darin durch das Ergebnis bestätigt: laut Statistik machten im gesamten Deutschen Reich bei nichtjüdischen Kindern die Blonden nur 31,8 Prozent aus; die Mischtypen überwogen weit mit 54,15 Prozent; bei den jüdischen Kindern wurden 11 Prozent rein blonde Kinder angetroffen. Gegenüber der Ideologie vom reinrassigen deutschen Ariertum zog Virchow die Folgerung, daß die Juden ein Volk, aber keine Rasse seien; wolle man ein germanisches deutsches Reich, müsse man weite Teile Süd- und Westdeutschlands davon ausschließen.

Diese in vielerlei Weise aufschlußreiche „Episode“ wird in Erinnerung gerufen in:

George L. Mosse: „Rassismus – Ein Krankheitssymptom in der europäischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“; Athenäum Verlag, Königstein/Ts., 1978; 222 Seiten, 34,– DM.

In drei Hauptkapiteln (Die Grundlagen. Die Ausbreitung. Die Durchführung) wird mit großer Akribie die furchtbare Dialektik des Rassismus als gesamteuropäisches Phänomen ausgebreitet, ein Gruselkabinett von Wirrköpfen und Wahnideen vorgestellt. (Um ein paar bekanntere „Eckwerte“ dieses gleichermaßen geistes- wie sozialpathologischen „Ideogramms“ zu nennen: Gobineau, Lombroso, Haeckel, Houston Stewart Chamberlain, Céline). Sowohl individuelle wie kollektive Minderwertigkeitsgefühle und -komplexe wurden durch makabre „geistige“ Systeme kompensiert: Der Schoß war fruchtbar, aus dem das kroch.

Für die deutsche Entwicklung erwies sich Wien als besondere Brutstätte antisemitischer Ressentiments, wobei gesellschaftspolitische Probleme (das Einströmen des „Ostjudentums“, das dort auf eine assimilierte jüdische Schicht stieß) eine besondere Rolle spielten. Dazu kamen die zu dieser Zeit allenthalben üblichen (üblen) Traktate – etwa Otto Weiningers Buch „Geschlecht und Charakter“ (1903) – das von Juden-, Frauen- und Selbsthaß diktierte Buch eines Juden (18 Auflagen bis 1919) – und der sektiererische Ostara-Kult des Jörg Lanz von Liebenfels, der seine Zeitschrift ein Blatt „für blonde Leute“ nannte.