Von Manuela Reichart

Das ist erst die eine Geschichte: Mira „war als Kind sehr selbständig“. Was ihr jedoch schnell abgewöhnt wurde: durch Liebesentzug, strenge Reden und ein langes Seil, an das man sie band, um ihren Freiheitsdrang auf einen überschaubaren Radius zu beschränken. Sie erhielt eine gute Erziehung, die sie die Schule problemlos durchlaufen ließ und sie lehrte, „nicht mehr als drei Schmuckstücke auf einmal und nie Gold und Silber gleichzeitig zu tragen“. Ihre Mutter hielt „Mira für Höheres bestimmt – was für die gute Frau eine gute Partie hieß“.

Mira durfte aufs College und lernt dort erste Enttäuschungen und – programmgemäß – ihren Zukünftigen, einen angehenden Mediziner, kennen. Sie heiratet, verdient den Lebensunterhalt als Tippse, während er sein Studium beendet; bekommt das erste, das zweite Kind, bezieht im Vorort das erste eigene Häuschen; Norm, ihr Mann, ist erfolgreich, sie putzt und kocht, erzieht die beiden Söhne, richtet das zweite Haus ein, in der besseren Gegend: kultiviert und geschmackvoll.

Gemeinsam geht das Ehepaar auf Partys, allein trifft sie tagtäglich die Freundinnen aus der Nachbarschaft, die alle auch wischen und kochen, Kinder wickeln und Tränen trocknen, während die Männer „draußen“ mehr oder weniger bedeutende Karrieren machen. Aber das Leben spielt sich in diesem amerikanischen Mittelstandsvorort ohne die Männer ab: Nachbarinnen und Kinder füllen Tag und Kopf von Mira und ihren Freundinnen. Und geht es Mira nicht gut? Sie hat schöne Kleider, kann sich den Friseur leisten und richtet sich einen Putzkarteikasten ein, worin sie Listen führt, wann die Fenster oder das Bad gereinigt wurden. Sie trinkt wie die Nachbarinnen schon am Nachmittag das erste Glas Wein, und weil ihr Mann schließlich ein Recht darauf hat, schläft sie von Zeit zu Zeit mit ihm.

Mira lebt ihr wohlgeordnetes Leben, während um sie herum in den Nachbarhäusern Ehekräche und Scheidungen passieren, bis es auch sie trifft: Norm will sich scheiden lassen, mit einer anderen weiterleben. Für Mira bricht die Welt zusammen, sie schreit und leidet, will nur noch sterben, den bestrafen, der ihr Lebenswerk zerstört hat. Irgendwann erkennt sie die Aussichtslosigkeit, sie beginnt über ihr Leben zu räsonieren, bringt die Söhne im Internat unter und geht zurück an die Universität; in Cambridge unter Zwanzigjährigen versucht sie einen neuen Anfang – mit achtunddreißig Jahren.

Und damit nun beginnen die Geschichten von –

Marilyn French: „Frauen“, Roman, aus dem Amerikanischen von Barbara Duden, Monika Schmid und Gesine Strempel; Rowohlt Verlag, Reinbek, 1978; 640 S., 34,– DM.