Es ist ungewöhnlich, die Absage eines politischen Besuches mit dem „Ernst der Lage“ zu begründen. Der Belgrader Verteidigungsminister Ljubicic ließ sich so in den Niederlanden entschuldigen. Wollte er den Blick vom Kriegstheater im Fernen Osten auf eine Region lenken, wo die Sorge vor einem unvermuteten sowjetischen Schlag seit Jahrzehnten die politischen Finten bestimmt?

Unmittelbar nach den Spannungen mit Rumänien auf der Moskauer Gipfelkonferenz, etwa seit Jahresende, hat die Sowjetunion Truppen in Bulgarien stationiert. Unklar ist, ob es 30 000 Mann oder wenige tausend sind. Unklar ist, ob sie wie in anderen Ostblockstaaten „zeitweilig“, also unabsehbar lange, dortbleiben, ob sie nur für gemeinsame Manöver eingeschifft wurden oder ob eine neue Fährverbindung erprobt werden sollte.

Gegen die Befürchtung, Moskau wolle einen Stellvertreterkrieg zwischen Bulgarien und Jugoslawien entfachen und dabei mit Eingreifreserven am Schauplatz sein, spricht die letzte Rede Breschnjews, worin er allen Teilnehmerstaaten der Konferenz von Helsinki Nichtangriffspakte anbot. Die militärische Präsenz der Sowjetunion in Bulgarien nur auf die beiden kommunistischen Balkanstaaten zu beziehen, die Moskau seit Jahren ärgern, hieße die strategische Bedeutung Bulgariens auch für andere Zwecke außer acht lassen. Schlagkräftige sowjetische Truppen in der Nachbarschaft der bulgarischen Nachbar- und Nato-Staaten Griechenland und Türkei wirken mindestens psychologisch einschüchternd.

Belgrad jedenfalls zeigt sich alarmiert. Westliche Journalisten wurden in den letzten Tagen wieder ausgeladen; angeblich steht die Armee unter erhöhter Alarmbereitschaft. Da kann ihr Minister nicht gut ins Ausland fliegen. E. N.