Das Führungskollektiv zerfällt

Von Eduard Neumaier

Belgrad im März

Um Jugoslawiens großen Alten, um Marschall Tito, weht die kalte Luft der Einsamkeit. Der Kreis derer, die ein halbes Leben lang seine Gefährten waren, ist klein geworden. Der Tod des Parteitheoretikers Edvard Kardelj, der vorigen Monat im heimatlichen Ljubljana an Krebs starb, hat eine riesige Lücke hinterlassen. Nun beginnen auch die Jugoslawen zu fragen, was denn kommen werde, wenn Staats- und Parteichef Tito, nunmehr 87 Jahre alt, einmal nicht mehr sei.

In der Öffentlichkeit ist die Nachfolgefrage allerdings kein Thema, Die Jugoslawen sind perfekte Verdrängungskünstler. Das Land ohne Tito mögen sie sich kaum vorstellen. Bezeichnenderweise sind es die Kritiker des Regimes im Lande selbst, wie etwa der langjährige Weggenosse Titos, Milovan Djilas, oder der Liberale Mihail Mihajlov, die sich darüber mehr sorgen: „Es wird schlimm ohne ihn.“

Unterderhand geben auch Funktionäre zu verstehen, daß sie mit Ungewißheit in die Zukunft sehen. Gerade der Tod Kardelis hat bewußt gemacht, wie arm das Land und die Partei an führungsfähigen Köpfen sind und wie wenig tragfähig jene institutionelle Konstruktion ist, mit welcher der Bund der Kommunisten schon zu Lebzeiten Titos vorsorgen wollte, daß kein Machtvakuum entstehen kann. Jenes Modell, beschrieben als ein kollektives Führungsorgan, beruhte erstens auf der Annahme, daß bestimmte Persönlichkeiten noch eine ganze Weile zur Verfügung stünden, zweitens auf dem frommen Trugschluß, daß alles, was zu Titos Lebzeiten erdacht wurde, auch in der Ära nach Tito funktionieren müsse.

Die Personen, die gleichsam als Fixpunkte in die Nachfolgeordnung eingesetzt waren, hießen Kardelj, Vladimir Bakaric und Stane Dolanc, denen als Reserve der ideologisch versierte Aleksandar Grlickov zur Seite stand. Im Hintergrund wartete jener Mann, durch den Tito die staatliche Unversehrtheit Jugoslawiens gesichert wähnt: Verteidigungsminister Nikola Ljubicic. Nur: Kardelj, er war 18 Jahre jünger als Tito, ist tot. Bakaric, 67 Jahre alt, ist seit langem krank. Stane Dolanc hat offensichtlich seit ein paar Monaten nicht mehr Titos Gunst in jener Weise, die ihn zeitweilig als zweitstärksten Mann im Lande erscheinen ließ.