ARD, Sonnabend, 3. März; „Die sieben Worte Jesu am Kreuz“, eine Präsentation mit Jesuitenpater Theo Schmidkonz

in symptomatischer Fall. Da gibt es, Irgendwo im tiefen Land, wo die Menschen ein rollendes „R“ sprechen, einen bescheidenen Ort. Und in dem Ort eine Kirche, deren Schätze kein Kunstführer nennt. Und in dieser Kirche wird, unter der Leitung eines Jesuitenpaters, ein Meditationsgottesdienst über die sieben Worte Christi am Kreuz abgehalten.

Eine schlichte Feier. Der Kirchenchor, wenige Stimmen nur, singt: Sieben Gemeindemitglieder treten vorn an den Altar, Frauen und Männer, Mädchen und Burschen, um Gedanken über „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ oder „Ich dürste“ zu verlesen. Die Worte des Predigers und die von den Laien vorgetragenen Texte sind ungelenk: „Es ist vollbracht“ ist gewiß kein sieghaftes Wort; Formeln wie „Wir danken dir dafür, daß du gesagt hast: ‚Mich dürstet‘“ täuscht Vertraulichkeit und familiäre Gemütlichkeit vor. Aber was tut’s: Ästhetik wird nicht verlangt; die verbürgt jenes Lied eines protestantischen Liederdichters, das die Gemeinde singt: Paul Gerhardts O Haupt voll Blut und Wunden.

Wir sind in Streitheim, an einem Samstag nach Aschermittwoch, der Blick richtet sich auf die Passion. Der Pfarrer redet, wie ihm ums Herz ist, die Gemeinde stellt sich nicht zur Schau, Kameras wirken eher zufällig. Hier wird urbi gebetet und nicht orbi ein Spektakel gegeben. Wenn der Prediger die Fernsehzuschauer begrüßt, dann tut er das beiläufig und nicht im Stil von: Heute ist ein besonderer Tag für unseren Ort, Streitheim hat sich geschmückt.

So weit ist alles im Lot. Aber dann überkommt den für die Präsentation des Halbstunden-Gottesdienstes verantwortlichen Mann plötzlich der Ehrgeiz und, statt sich mit dem dörflichen Kruzifix von Streitheim zu bescheiden, holt er die große Welt ins Bayerische ein, die Welt der Kunstgeschichte, aus deren Arsenalen er berühmte Kreuzigungsszenen holt, gemalte so gut wie geschnitzte, die er den Worten des sterbenden Mannes am Kreuz unterlegt. Und schon ist aus dem Gottesdienst ein Potpourri der Stile, von der frühchristlichen Kunst an aufwärts, geworden – im Sauseschritt durch die Jahrhunderte! Und der Gekreuzigte: der ist zu einem mal so, mal so aussehenden Mann mittleren Alters geworden, einer naturalistischen Figur auf jeden Fall, die jener Zeichenhaftigkeit, jener verweisenden Kraft entbehrt, die das bescheidende Kruzifix von Streitheim, hätte man sich zu ihm bekannt und nicht auf Abwechslung in den oberen Rängen bestanden, sehr wohl hätte darstellen können.

Ein symptomatischer Fall, in der Tat: Wie man, mit kunsthistorischer Geschmäcklichkeit (hier paßt am besten der Grunewald, finden Sie nicht?), aus einem dörflichen Gottesdienst ein Spektakel im Stil des neunzehnten Jahrhunderts macht: hoch lebe der Eklektizismus!

Streitheim ist nicht Isenheim. Die Dorfkirche kein Museum. Der Gottesdienstraum eine ungeeignete Lokalität, um, weil man dem schlichten Wort im schlichten Haus nicht traute, ausgewählte Dias zu zeigen. Momos