Von Wolf gang Boller

Die Sonne leuchtet ins stille Tal, als hätte der kauzige Bäckermeister Michael Schreiner nicht bloß einen Spiegel in den Wald am Panhollinger Berg gehängt, sondern den ganzen Winkel mit Brennspiegeln umstellt. So entfesselt sie im Winter die Feuerwerke der Schneekristalle, gibt dem Frühling vorzeitige Einsatzsignale und läßt an den Hängen Birnen, Pfirsiche und am Spalier gar Weintrauben reifen, als wäre das zur Donau offene Tal über die Alpen hinaus nach Süden geöffnet: Durch den Lallinger Winkel weht ein Hauch von Meran.

Der Lallinger Winkel ist ein hügeliges Tal im Deggendorfer Land, nach drei Himmelsrichtungen von Bergketten und Hochwäldern gegen die Stürme des Bayerischen Waldes abgeschirmt: Brotjackelriegel mit Bichelstein und Sonnenwald, Leopoldswald, Rusel und Hausstein – ein Rundhorizont sanfter Höhen zwischen 800 und 1200 Metern. Das versteckte Tal mißt von Gipfel zu Gipfel seiner Hausberge etwa 80 Quadratkilometer. Er, der es nicht wüßte, führe auf den Straßen nach Regen und Passau wohl achtlos vorüber, wenn ihn nicht die lila Farben des Waldes im schwindenden Licht, ein Wirtshausschild oder ein seltsamer Ortsname zum Abbiegen veranlaßten, über Hengersberg und Auerbach in den Lallinger Winkel.

Im hügeligen Tal nisten 27 Dörfer und Weiler, davon die größten mit der Einwohnerzahl eines Mietshauses in der Stadt. Ihre Namen klingen wie Stammtischbeschimpfungen nach zehn Maß Bier: Lalling, wie gesagt, Hunding und Schaufling, Stritzling, Ranzing, Dösing und Mapferding – ausnahmslos Familiennamen der bajuwarischen Ahnen vor tausend Jahren.

Die Nachfahren sind kleine Ackerbauern, Obstzüchter, Holzfäller und Schankwirte, auch alles in einem oder keins davon richtig. Es gibt keine Industrie, keine beherrschenden Handwerksbetriebe, andererseits aber nur noch 15 hauptberufliche Bauern. Rund 300 Lallinger gehen nach Deggendorf, Seebach oder München zur Arbeit. Die wirtschaftliche Entwicklung in einem Jahrzehnt ist, als würde sich eins vom andern, mästen, durch Minderung der Obstbäume. von 7000 auf 5000 und Häufung der Fremdenbetten von 100 auf 500 gekennzeichnet. Inzwischen hat auch im Lallinger Winkel jeder Bauer begriffen, daß ein Gast im Bett rentabler ist als eine Sau im Stall.

Der Lallinger Winkel, um es rundheraus zu sagen, ist eine Ferienlandschaft wie im Bilderbuch. Bayernkönig Max II. hatte recht, als er, lange vor Gründung des Bayerischen Waldvereins sowie der ersten Fremdenverkehrs- und Verschönerungsvereine, mit Bergblick auf den Winkel die geflügelten Worte sprach: „Ich habe es bisher nicht gewußt, daß mein Bayernland so schön ist.“

Das Zipfelchen Bayernland besticht indessen nicht nur durch Schönheit im wechselnden Schmuck von Pulverschnee (ohne Föhn und Lawinen), blühenden Obstgärten und brokatfarbenen Herbstwäldern, es bietet zudem ideale Umweltbedingungen, urwüchsiges Brauchtum, deftige Küche und niedrige Preise.