Ein bedenkliches Urteil des DFB-Sportgerichts: das Fernsehen lieferte die Bilder

Die Minuspunkte, die dem deutschen Profifußball zur Zeit im Strafraum der Sportjustiz verabreicht werden, könnten durchaus ausreichen, die gesamte Bundesliga in eine völlig neue Gefahrenzone zu bringen. „Schuld“ daran ist ein Urteil, das das Sportgericht des Deutschen Fußballbundes (DFB) hinter dem Rücken des Schiedsrichters – nachträglich – fällte, wobei es sich auf eine Fernsehaufzeichnung stützte.

Was war passiert? Im Bundesligaspiel Borussia Mönchengladbach – Hamburger SV hatte es zwischen den Spielern Wohlers (Mönchengladbach) und Magath (HSV) nach einem Zusammenprall eine Rangelei gegeben. Schiedsrichter Heinz Quindeau (Ludwigshafen) stellte Wohlers wegen einer „Tätlichkeit“ vom Platz. Magath blieb unbehelligt. Die Fernsehaufnahme dieser Szene aber zeigte dem Millionen-Publikum in den guten Stuben, weitab vom eigentlichen Geschehen, daß dem Fußtritt von Wohlers eine provozierende Handbewegung des HSV-Spielers Magath vorausgegangen war.

Wohlers beschönigte keineswegs sein Revanche-Foul, aber er stellte fest: „Wenn schon ein Platzverweis, dann hätten eben beide gehen müssen.“ Bis zu diesem Punkt – der Schiedsrichter hatte die vorangegangene „Handbewegung“ des HSV-Spielers Magath nicht gesehen – war eigentlich noch alles „in Ordnung“. Er hatte mit dem Platzverweis für Wohlers eine „Tatsachen entscheidung“ getroffen, in der die Tatsache keine Rolle spielte, daß er das Foul von Magath übersehen hatte.

Nun aber hat zusammen mit Millionen Fernsehzuschauern auch der Vorsitzende des DFB-Kontrollausschusses, Hans Kindermann, in die Röhre geguckt. Und jetzt wird’s amtlich. Magath wird vor das Sportgericht zitiert; Kindermann fordert auf Grund der Beweismittel durch das Fernsehen eine Sperre von zehn Spieltagen; Magath-Verteidiger Klein leugnet im Namen seines Klienten, daß es sich überhaupt um eine Tätlichkeit gehandelt habe; das Sportgericht verurteilt den Fernsehsünder zu einer minderen Spielsperren-Strafe von sechs Pflichtspielen – und es beruft sich darauf, daß der Felix Magath nur „am Rande einer Tätlichkeit“ entlanggeschlittert sei.

Zum Donnerwetter noch mal: es geht hier weder darum, wie böse der Magath Felix, noch wie schlau der Kindermann Hans (er ist immerhin Landgerichtsdirektor in Stuttgart) ist. Es geht darum, daß der Sport Schaden nehmen wird, wenn er sein „Grundrecht“ aufgibt, über die neunzig Minuten eines Fußballspiels selbst zu entscheiden. Nach dem Urteil im Fall Magath (der HSV ist in die Berufung gegangen) droht die ganze Bundesliga zu einem schwebenden juristischen Verfahren zu werden. Denn wo die Fernsehaufzeichnungen im ZDF oder in der ARD als Beweismittel anerkannt werden, da darf man auch nicht den Video-Rekorder verbannen, der – vielleicht vom Verein – extra dazu benutzt wird, um die Lümmel auf der Gegenseite zu entlarven. Und was ist, wenn der Herr Kindermann gar selbst mit einer privaten Kamera Photos auf dem Stuttgarter Neckar-Stadion macht und sie dann für das nächste Sportgerichts-Verfahren auswertet?