Von Erika Martens

DGB-Chef Heinz Oskar Vetter war so erleichtert, daß seine Mitarbeiter Mühe hatten, seine euphorische Stimmung zu dämpfen, bevor er vor die Presse trat. Der Spruch der Bundesverfassungsrichter in Karlsruhe über die erweiterte Mitbestimmung der Arbeitnehmer war für die Gewerkschaften erfreulicher ausgefallen, als sie je zu hoffen gewagt hatten.

Arbeitgeberpräsident Otto Esser dagegen konnte seine Enttäuschung nur schlecht verbergen, als er die Stellungnahme zum Urteil abgab. Das Gericht hattedie Verfassungsbeschwerde der Unternehmer für nicht begründet erklärt und festgestellt, daß die von den Klägern beanstandeten Vorschriften des Gesetzes von 1976 durchaus mit dem Grundgesetz vereinbar seien.

Für die Richter in Karlsruhe war damit die Arbeit mit dem Mitbestimmungsgesetz beendet. Für die Sozialpartner in der Bundesrepublik jedoch fängtsie jetzt erst richtig an. Zunächst einmal machten sich die Experten bei Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden daran, die Urteilbegründung zu analysieren.

In diesen Tagen nun beraten die Spitzengremien der Organisationen, um die künftige Marschroute festzulegen. Die Richter hatten beiden etwas ins Stammbuch geschrieben, das ihnen bei ihren Beratungen eigentlich in den Ohren klingen müßte: "Besteht auf beiden Seiten die Bereitschaft zu loyaler Zusammenarbeit, so wird sich die Mitbestimmung der Arbeitnehmer anders auswirken, als wenn die Atmosphäre im Unternehmen von gegenseitigem Mißtrauen oder gar Feindschaft beherrscht ist."

Die Chancen für einen neuen Anfang scheinen günstig. Zwar fanden die Gewerkschaftsexperten bei der Interpretation der Begründung einige Haare in der Suppe, doch überwiegend ist die Resonanz bei ihnen positiv. Nun komme es vor allem darauf an, so Günter Döding, Chef der Gewerkschaft Nahrung, Genuß, Gaststätten, "daß die Anteilseigner bereit sind, ein paar Lockerungsübungen zu machen". Denn jetzt müsse man darangehen, den nach Verabschiedung des Gesetzes geänderten Satzungen und Geschäftsordnungen der von der Mitbestimmung betroffenen Unternehmen "die Giftzähne zu ziehen".

Auch der Mitbestimmungsexperte der IG Chemie, Karl Lichtenstein, meint, Satzungen und Geschäftsordnungen seien schließlich veränderbar. Und an der Bereitschaft der Anteilseigner, "Steine, die man uns in den Weg geworfen hat, wieder wegzunehmen", werde sich zeigen, ob die "Rederei von Kooperation" ernst gemeint sei.