Köln

Was selbst unerschütterliche „Königstreue“ in Köln kaum zu hoffen wagten, ist so gut wie gewiß: Die im Dom gehüteten Reliquien der Heiligen Drei Könige sind vermutlich sehr viel älter und damit „echter“, als bis jetzt angenommen wurde. Bis vor kurzem noch meinte das hiesige erzbischöfliche Generalvikariat und mit ihm die Schar der Gläubigen, daß die angeblich morgenländischen Knochenteile aus dem 12. Jahrhundert – einer Zeit der üppigsten Reliquienverehrung – stammen.

Das aber dürfte nun plötzlich anders werden. Eine gegenwärtig stattfindende Untersuchung jenes kostbaren Tuches, das die majestätischen Handknochen und Oberschenkelsplitter bereits vor 800 Jahren umhüllten, läßt den rheinischen Katholiken keine Ruhe mehr. Die Frage, die die Gemüter bewegt, lautet: Hat die Legende etwa doch recht, gah es die „Weisen aus dem Morgenland“ wirklich?

Über das ehrwürdige Kölner Gebein weiß die Geschichtsschreibung lediglich ab 1158 Konkretes zu berichten: Damals nämlich, besagt eine französische Handschrift, hätten sich die Heiligen Drei in der Mailänder Kirche San Eustorgio befunden. 1164 führt der Kölner Erzbischof Rainald von Dassel die wertvollen Gliedmaßen als Reisegepäck mit sich. Zwanzig Jahre später wird für sie des Abendlandes größter und berühmtester Reliquiensarkophag gefertigt. Seither ist die Rheinmetropole das „Hillige Köln“.

So kostbar der Schrein auch ist, die Frage nach der Echtheit der . Gebeine war durch ihn nicht gelöst. Im Gegenteil: Die Reliquien wurden gar als mittelalterlich angenommen. Einen letzten Punkt unter solche Heiligen-Ernüchterung setzte erst 1975 ein Historiker, der kurz und bündig wissen ließ: Die in Köln im 12. Jahrhundert niedergeschriebene Lebensgeschichte des Mailänder Bischofs Eustorgius, nach der dieser die Königsreliquien im vierten nachchristlichen Jahrhundert aus dem Orient nach Italien gebracht habe, sei schlicht gelogen.

Solch schnödes Urteil erweist sich nun als voreilig. Ein purer Zufall brachte die ganze Königsfrage erneut ins Rollen. Im August vergangenen Jahres erhielt der Kölner Pater Schulten, in dessen Obhut sich die Dom-Schatzkammer befindet, einen freundlichen Brief aus dem Elsaß. Dort hatte – in der Heimatgemeinde Rappoltsweiler – Kapuzinerbruder Linck eine folgenreiche Entdeckung gemacht: In einem uralten Kistchen mit der Aufschrift „Heilige Drei Könige“ befand sich ein „kaum Quadratzentimeter großes Stoffstückchen“. Das seltsame Tuch wurde im Textilzentrum Lyon untersucht. Ergebnis: Herkunftsort womöglich Palmyra, Alter etwa 1800 Jahre.

Kein Wunder, daß man ob solcher Kunde in Köln buchstäblich Morgenluft witterte, denn dort waren die geweihten Stoffe der Balthasar, Melchior und Caspar bis auf den Tag noch nie gründlich unter die Lupe genommen worden. Köln erbat sich eine starke photographische Vergrößerung des Rappoltsweiler Stöffchens. Pater Schulten schrieb im Oktober an Pater Linck: „Wir zählen augenblicklich die Fäden beider Stoffe.“ Dann, schließlich, am 13. Dezember erhielt auch der Elsässer die frohe Botschaft: „Eine Übereinstimmung dieser in Köperbindung gewebten Stoffe ist gegeben.“ Und: „Wenn die Reliquien bereits im vierten Jahrhundert mit dem alten Stoff umhüllt waren, werden sie zu den ältesten gehören, die wir überhaupt besitzen.“ Stammen nämlich, so schließt der Pater, die Stoffe aus dem zweiten Jahrhundert, so auch die Gebeine. Denn: „Zur Reliquienumhüllung benutzte man allgemein zeitgenössische Stoffe.“