Der Vormarsch der Mikroelektronik provoziert eine neue – und gefährliche – Technikfeindlichkeit

L|angsam, sehr langsam sogar, weil die tech-nischen Hintergründe so schwer zu verstehen und die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen noch gar nicht abzusehen sind, kommt in der Bundesrepublik die Diskussion über die Folgen des Vormarschs der Mikroelektronik in Gang. Gelegentlich wird dieser Prozeß auch „dritte industrielle Revolution“ genannt. Das ist zwar einprägsam, aber falsch. Es handelt sich nämlich um weit mehr als eine industrielle Revolution. Die Mikroprozessoren mit ihren schier unglaublichen Fähigkeiten zur Datenverarbeitung und Prozeßsteuerung auf kleinstem Raum werden nämlich nicht nur in der Fabrikhalle tiefgreifende Änderungen mit sich bringen, sondern ebenso im Verkehr, in der Medizin, im Haushalt und vor allem im Büro. Schon gibt es Übersetzungsautomaten und Computer, die auf das gesprochene Wort reagieren. Die Schreibmaschine, der man diktieren kann, ist keine bloße Utopie mehr.

Wie noch bei jeder großen. Umwälzung ruft auch diese begeisterte Optimisten wie verschreckte Pessimisten auf den Plan, die ganz verschiedene Zukunftsbilder entwerfen. Die einen sehen vor allem die ungeheuren Möglichkeiten der Arbeitserleichterung, der Energieeinsparung, der Rationalisierung durch diese elektronischen Heinzelmännchen und die vielen tausend neuen Produkte. Die anderen warnen vor den „Arbeitsplatzkillern“, der Übertechnisierung, der noch weitergehenden Abhängigkeit der Industrienationen von ihrer technischen Infrastruktur, deren Anfälligkeit der harte Winter im Norden der Bundesrepublik so erschreckend deutlich gemacht hat – und die auch durch die Sorge vor einer neuen Energiekrise unterstrichen wird.

Gewiß sind vorerst nur zwei Dinge. Erstens: Die Mikroelektronik wird uns vor ganz neue Probleme der Arbeits- und Einkommensverteilung, der Berufsausbildung und Umschulung stellen.

Zweitens: Jeder Versuch, die Entwicklung der elektronischen Technologie insgesamt oder in einzelnen Bereichen zu verlangsamen oder gar zu stoppen, würde auf die Dauer weit schlimmere Folgen für die Arbeitsplätze haben als eine noch so radikale Anwendung der Mikroelektronik. Es wird nämlich immer genügend Länder geben, deren Regierungen und Industrien keine Sekunde zögern würden, um mit ihren Produkten in diese Lücken zu stoßen. Und wenn wir einmal den Anschluß verlieren, dann kann dies angesichts der rasanten Entwicklung auf diesem Gebiet für immer sein.

Dies ist keine überflüssige Warnung, Währernd des Stahlarbeiterstreiks und bei anderen Anlässen sind immer wieder Zeichen einer neuen Technikfeindlichkeit deutlich geworden, die sichneben der Atomenergie vorwiegend an den „Arbeitsplatzkillern“ aus den Laboratorien der Mikroelektroniker entzündet. Etwas von dieser Haltung schimmert auch bei den ständig wiederholten Aufforderungen des Bonner Forschungsministers Volker Hauff durch, nicht nur – die notwendige – Diskussion über die „beschäftigungspolitischen und sozialen Konsequenzen“ zu führen, sondern auch zu fragen, „was davon akzeptierbar und sozial verantwortbar ist“.

Über Humanität und soziale Absicherung bei der Anwendung der Mikroelektronik (und die großen Möglichkeiten dazu, die gerade diese Technik bietet), kann und muß gesprochen werden. An eine Abwehr dieser Entwicklung darf dagegen nicht einmal gedacht werden, wenn wir uns nicht selber aus dem Klub der führenden Industrienationen (und der wohlhabendsten Länder) abmelden wollen. Michael Jungblut