Von Rolf Zundel

Bonn, im März

Karl Carstens ist dem Amt des Bundespräsidenten sehr nahe gekommen – in doppeltem Sinne: Die Unionsfraktion in der Bundesversammlung hat ihn in einer Probeabstimmung fast einstimmig als ihren Kandidaten gekürt; also wird er auch gewählt werden. Und das Amt hat von Carstens schon Besitz ergriffen – ein Ausdruck freilich, der fast zu grob ist, um eine Veränderung eines Mannes zu beschreiben, der sich höheren Zwecken widmet.

Nicht, daß Carstens gerührt, erhoben oder gar seufzend die neue Würde trüge, er nimmt gelassen an, was ihm zuzukommen scheint, formgerecht und in freundlicher Kühle, die vergessen läßt, daß seine Kandidatur innerhalb der Union umkämpft war und außerhalb weiter umstritten ist. Die Gestalt ohne Anstrengung straff, ein Gesicht, in dem die Erinnerung an den schmalgesichtigen jugendlichen Helden aufs angenehmste zum Charakter verwittert ist, ein Mann, der sich in seinem Leben vom Gutbürgerlichen zum Großbürgerlich-Weltläufigen ausgewachsen hat, durch Leistung, Neigung und einen Schuß Selbststilisierung (das Segelschiff heißt „Fair Play“), einer also, der inzwischen, ohne sich noch Mühe geben zu müssen, ein „Herr“ ist, fast schon ein Bilderbuch-Präsident.

Auch seine Sprache hat sich mühelos dem Höheren, Allgemeineren geöffnet. Reminiszenzen an Polemik sind getilgt, Konkretes verschwindet hinter Prinzipien. Das Nato-Bündnis, die Entspannungspolitik, die deutsche Einheit, Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit werden in so reiner Abstraktion dargestellt, wie sie aus alten bundesrepublikanischen Staatsbürgerfibeln überliefert sind und in neuerer Zeit vereinzelt noch in Festreden vorkommen.

Sehnsüchte der Opposition

Gleichwohl hat Carstens Anstoß erregt, die Koalition möchte ihn nicht, die Sozialdemokraten schießen scharf gegen ihn, den einen liegt mehr seine NS-Vergangenheit im Magen, anderen mehr der Verdacht, er habe vor einem Untersuchungsausschuß die Unwahrheit gesagt, und Linke und Liberale trauen der neuen milden Allgemeinheit nicht; sie fühlen sich an ein Plüschsofa erinnert: wenn man sich draufsetzt, pieksen die Stahlfedern. Den wichtigsten politischen Vorwurf gegen Carstens hat Helmut Schmidt formuliert: Er repräsentiere die rechtskonservative Richtung in unserer Gesellschaft“, er besitze „nicht jenes Maß an Integrationsbereitschaft, das wir an Walter Scheel bewundern und schätzen“.