Eine Bilanz nach den Berliner Filmfestspielen 1979

Von Hans C. Blumenberg

Das Kino, von allen Formen der Kunst die jüngste, ist 85 Jahre alt. Nach menschlichen Maßstäben hat es sein Sterbealter erreicht, nach denen der anderen Kunstarten nicht einmal seine Flegeljahre. Seine Chancen, das Ende dieses Jahrhunderts zu überdauern, sind ungewiß. Das Kino ist alt genug, um sich an seine Vergangenheit zu erinnern, sich seine frühen Bilder herbeizuzitieren, ein Bewußtsein seiner eigenen Geschichte zu entwickeln. Aber die alten Filme zum Beispiel, auf die sich der amerikanische Regisseur Stanley Donen in seiner liebevoll satirischen Hollywood-Hommage „Movie Movie“ bezieht, kennt man bei uns fast nur noch aus dem Fernsehen, aus den Museumsveranstaltungen der Dritten Programme: Die Sozial-Melodramen und die Musicals der dreißiger Jahre – Genres, die im Zeitalter der seriösen, „kalten“ Elektronik auf anrührende Weise eine unbekümmerte Lebendigkeit beschwören, die gleichwohl nicht wiederbelebbar scheinen.

Film, sagte Jean Cocteau, bedeute, dem Tod bei der Arbeit, zuzuschauen.Und manchmal hat man den Eindruck, als sei das Kino nichts anderes als ein sorgfältig geschminkter Leichnam, der auch noch nach seinem Ableben kostbare Bilder von sich selber verbreitet: eine längst stillgelegte Fabrik, deren Direktoren die Pleite nur nicht bemerkt haben und aus lauter Gewohnheit weiter produzieren. Filmfestivals, bei denen man in sehr kurzer Zeit sehr viele Filme sieht, verstärken diesen Eindruck: kaum noch ein Vorspann, in dem nicht ein Fernsehpartner ausgewiesen ist, viel Zu selten ein Film, den man nicht sofort nach der letzten Einstellung schon wieder vergessen hat, der ein Gefühl oder einen Gedanken auslöst, die über das „Ende“ hinaus weiterwirken.

Federico Fellini hat viele solcher Filme gedreht, magische Gebilde, in denen man sich verlieren und vergessen konnte, Phantasien, die die Wirklichkeit außer Kraft setzten, indem sie sich ihre eigene Wirklichkeit schufen. Sein neuer Film, eine Arbeit für das italienische Fernsehen (für das schon die wunderbaren „Clowns“ entstanden), ist so enttäuschend, weil der alte Zauber in Vergessenheit gerät über der Sucht nach der Eindeutigkeit griffiger Metaphorik. Rasch, viel zu rasch begreift man, daß „Die Orchesterprobe“, bei der 29. Berlinale in einer lange in Frage gestellten Sondervorführung gezeigt, nicht von einer Orchesterprobe handelt und deren Dokumentation durch ein unsichtbares Fernsehteam, sondern von Fellinis politischen Ängsten. Das untereinander und mit seinem deutschen Dirigenten heillos zerstrittene italienische Orchester muß als planes Symbol eines generellen europäischen Chaos herhalten. Jede Geste, jede Einstellung unterwirft Fellini, der sich auf seine alten Tage als Prophet der Reaktion erweist, diesem dürftigen Konzept: 72 Minuten lang ein Lamento über die bekanntlich sehr unordentlichen Verhältnisse in und um Italien, so ordentlich gefilmt, daß Fellinis Ruf nach einem starken Dirigenten, der diesem Panikorchester mal die Flötentöne beibringt, leider überhaupt nicht mißverständlich wirkt. Zwei oder drei Momente erinnern an den alten Fellini: Der unverhoffte Bocksprung des greisen Kopisten, der sich auf seine Pensionierung freut, war der schönste.

Leichenbegängnis, Kinderfest

Wenn das Kino der Vergangenheit nur durch aufwendige Erinnerungsarbeit gegenwärtig gemacht werden kann, wenn das Kino der Gegenwart noch unentschlossen seinen Weg sucht zwischen Hollywood-Perfektion und grauem Fernsehstandard, muß das Kino der Zukunft ein um so „aufregenderes Abenteuer sein, wenn es sich gegen den Druck des großen Geldes und der vorsichtigen Verwaltung behaupten will. Das Kino der Zukunft wird wieder ein Kino der Reisen sein, der Expeditionen durch Köpfe und Landschaften, und es wird die sauber gezeichneten Karten und die prall gefüllten Rucksäcke der Pauschaltouristen verachten. Es wird sich skrupellos aller Mittel bedienen, derer es habhaft werden kann (auch der des Fernsehens), aber es wird sich nicht auf seine Nützlichkeit verpflichten lassen.