„Kunst und Kultur im deutschen Faschismus“, herausgegeben von Ralf Schnell. Das Buch, sorgfältig gearbeitet, mit einer Ausnahme, dem verschwätzten Text „Zum Problem der Sprachkritik“, setzt frei, daß Hitlers Kunst- und Kulturprogramme in keiner Weise derart vom Himmel gefallen sind, wie es eine sich restaurierende Bundesrepublik gewollt hat. Vielmehr gibt es eine Kontinuität jener dem rückständigsten Kleinbürgertum eigenen Dunstvorstellungen, die zwangsläufig, wie Brecht sagte, darin enden mußte, daß die Kälber, unzufrieden mit ihren Scherern, Hütern und Futtermeistern, nun einmal den Metzger ausprobieren wollten. Die einzelnen Aufsätze, über Demagogie, über die Zerstörung der Historie, über Ästhetik, Kunst und Architektur, über das Hörspiel, den historischen, den SA- und den Trivialroman, über Widerstand und Renegatentum, machen deutlich, in welchem Maß der Faschismus den Haß der Mittelschichten auf urbanere Lebensformen, vor allem aber ihre zwischen Rancune und Konformitätssicherung hin- und herpendelnden Erfahrungsbruchstücke in Beschlag nehmen konnte. Wer kennt noch Langbehn, de Lagarde oder Chamberlain? Wer weiß noch etwas über die Bauernmalerei der zwanziger, dreißiger Jahre? Die Verfasser gehen einer Vielzahl solcher Phänomene nach, und wenn auch die Buchstabengerechtigkeit ihrem politischen Instinkt mitunter einen Streich spielt, löst der Band in jedem Fall das ein, was im Vorwort versprochen wird: ein Gegengift zu sein für die mit Glanzphotos versehenen Periodika der „Hitlerwelle“, den ebenso überschwänglich illustrierten Buchpublikationen und den zusammengeschnittenen Ton- und Filmstreifen. Es stimmt schon, „Holocaust“ hat hierzulande nunmehr auch besagte Mittelschichten aufgeschreckt. Im Freistaat Bayern kommt jedoch eine Kulturfronde an den Tag, die einiges mit Langbehn, mit de Lafarge und womöglich gar mit Chamberlain gemein hat. („Kunst und Kultur im deutschen Faschismus“, herausgegeben von Ralf Schnell; J. B. Metzler, Stuttgart, 1978; 350 S., 39,– DM.) Hans Platschek

„Ein Schweizerkäse“ von René Schweizer. Sein erstes „Schweizerbuch“, in dem die Nonsens-Briefwechsel mit Behörden und Privatleuten gesammelt sind, war komisch und amüsant zu lesen und hat dem Autor die Einladung in Münchenhagens „Talk Show“ eingebracht. Jetzt begnügt er sich mit einem Korrespondenz-Anhang. Sonst schreibt er nur noch über sich und die Welt und deren Veränderung durch den „Kaiser von China“, oder den Gründer der „Gaga-Organisation zur Verblüffung des Erdballs“. „Als Schweizer weiß man wieviel Uhr es ist, wo der Käse herstammt und wer das Rote Kreuz gegründet hat, aber man nimmt offiziell nicht Worte wie Scheiße, Ficken und Arschloch in den Mund. Es gehört sich nicht.“ René Schweizer ist da anders; aber der permanente Beweis der „gesunden Unanständigkeit“ allein macht es noch nicht. (Verlag Matthyas Jenny, Oetlingerstr. 157, CH 4057 Basel, 1978; 244 S., 20,– DM; 10 Prozent des Verkaufserlöses gehen an „Terre des Hommes“.) Manuela Reichart

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„Nichts soll sich ändern“, Gedichte von Michael Buselmeier. Was Buselmeier über Revoluzzer und seinen Privathaushalt sagt, gibt mit resignierender Attitüde etwas von dem frei, was den Autor (noch) an den Schreibtisch zwingt: Die Schauspielerei (mit der er auch von Berufs wegen zu tun hat) und der schier aussichtslose, aber dennoch praktizierte Widerstand gegen Institutionen und Dünkel. Das unterscheidet seine Lyrik von Versen, die über kurze, heiße Sommer hinauswachsen. In einigen, an den Schluß des Bandes gestellten, APO-kalyptischen Gedichten wird das besonders deutlich. In die Eindeutigkeit aber die geheimnisvolle Vielfalt einzubringen, sich über die Beschreibung hinauszuwagen, das geht dem jungen Autor noch ab. (Verlag Das Wunderhorn, Plöck 32 a, 6900 Heidelberg, 1979; 80 S., 11,– DM.)

Hadayatullah Hübsch