Berlin: „Holographie“

Man darf perplex sein, seine Unkenntnis zugeben, denn hier handelt es sich um die deutsche Premiere eines neuen Mediums im Kunstbereich, dem, so prognostizieren die Veranstalter, die Zukunft gehören wird: der Holographie. Während in aller Welt, vornehmlich in den USA, aber auch in der Sowjetunion und der DDR, die Holographen längst eifrig experimentieren, in New York bereits ein Holographie-Museum existiert, müssen wir uns zunächst erklären lassen, was eine Holographie ist. Der griechische Name erklärt schon vieles (holes = ganz, graphein = schreiben), meint also ganzheitliche Reproduktion, reproduktive Ganzheitsmethode; sie führt zu dreidimensionalen Bildern, zu Raumbildern oder auch zu Lichtskulpturen. Entdeckt wurde die Holographie 1948 von Dennis Gabor; er erhielt 1971 dafür den Nobelpreis und starb am 9.2.1979 im Alter von 78 Jahren. Der Neue Berliner Kunstverein hat ihm deshalb diese Ausstellung gewidmet. Einen entscheidenden Sprung in der Entwicklung erlebte diese gehobene Tochter der Photographie, als 1960 das Laser-Licht entdeckt wurde. Nun war auch der Weg für – freilich bislang nur vereinzelte und schüchterne – künstlerische Experimente frei. Die Ausstellung zeigt ausschnitthaft eine Kollektion typischer Arbeiten von Künstlern aus den USA, Holland, Großbritannien, der Sowjetunion und der Bundesrepublik. Die kleinen, handlichen, farbigen Formate kombinieren auf verpuffende Weise Realität und Rätsel, exakte Reproduktion und perfekte Illusion, Ein Gedicht, das H. M. Enzensberger für Dieter Jung schrieb, brachte dieser in eine dreidimensionale, rotierende Spiralform, in ein „Multiplex-Hologramm“ – denn, so lernt man, das junge Medium hat bereits diversifiziert: Es gibt außerdem Durchsichtholographien und Draufsichtholographien – je nach angewandter Technik. Diese wiederum ist höchst kompliziert, beruht aber zunächst auf einem Grundprinzip. Das Laser-Licht wird gespalten in einen Objektstrahl; der den abzulichtenden Gegenstand trifft und auf eine Photoplatte wirft, zweitens in einen Referenzstrahl, der, ohne den Gegenstand zu berühren, direkt auf die Photoplatte geleitet wird. Dort gehen die beiden Lichtwellen eine neue Korrespondenz ein und bilden, das Negativ, das etwa die Struktur eines Fingerabdrucks hat. Vom Hologramm wird erst nach der Entwicklung etwas sichtbar; für die Projektion ist ferner entsprechendes Laser-Licht nötig. Der Kompliziertheit des Entstehungsprozesses entsprechen die präsentierten Kunstwerke freilich in keiner Weise, die Schlichtheit der Motive ist eher ein Kontrapunkt. Die ungeahnten Dimensionen, die der Kunst, der visuellen Kommunikation durch die Holographie erschlossen werden sollen, die vielen wahrnehmungsphysiologischen Überraschungen, sind vorerst nur zu ahnen, (Neuer Berliner Kunstverein, bis 23. 3., Katalog 10 Mark) Daghild Bartels

Düsseldorf: „Félicien Rops“

Baudelaire mochte „diesen so wunderlichen Herrn Rops sehr“. Félicien Rops, einer der Erneuerer der Radierkunst im 19. Jahrhundert, sei „zwar kein Kandidat für den Prix de Rome, aber ein Talent hoch wie die Cheopspyramide“. Mit etwa einhundertAquarellen, Zeichnungen und Druckgraphik präsentiert die Düsseldorfer Kunsthalle jetzt die erste umfassendere Ausstellung über das graphische Werk des Belgiers (1833–1898) in Deutschland und gibt einen Eindruck von der Qualität der umfangreichen Produktion wie dem technischen Einfallsreichtum eines Künstlers, der immer wieder zu „diesem phantastischen Verfahren des Vernis mou“ griff und damit sehr erfolgreich experimentierte. Thematischer Schwerpunkt des „bekannt-unbekannten Werks“: die Sexualität. Der in großbürgerlicher Umgebung aufgewachsene Industriellensohn Félicien Rops handelt die sexuelle Thematik mit großer und nicht nur zu seiner Zeit oft schockierender Freizügigkeit ab. Zeichnend durchforstet er das Dickicht der Verdrängung, verstößt gegen Tabus, entblößt Menschen und eine doppelte Moral. Demonstrativ zeigen seine Figuren ihre Körperlichkeit, bekennen sich offen zu ihrer Sexualität und bewegen sich selbstscher in einem Garten der Lüste, in dem die Lust allerdings-nicht nur lustvoll erfahren werden kann: So wirken, die porträtierten Frauen nicht selten ausgeliefert, in ihrer Offenheit auch schutzlos – Sexobjekte, jederzeit verfügbar (womit sich Rops heute wohl einige „Sexismus“-Vorwürfe „einhandeln würde). Neben den im Œuvre zentralen Raum einnehmenden erotischen Zeichnungen und Bildfolgen wie „Die Satanischen“; die Rops’ Beschäftigung mit dem Satanskult eindrucksvoll belegen, dokumentiert die Ausstellung auch, andere Ansätze: etwa spontane zeichnerische Reaktionen auf politisches oder soziale Unrecht (sichtbar in Blättern wie „In Warschau herrscht Ruhe“ und „Todesstrafe“) und frühe Karikaturen des Félicien Rops, der sich im Gegensatz zu seinen oft dämonisch ambitionierten Zeichnungen eher heiter sah: „Lachen ist mein Wesen; einmal bin ich vor Lachen gestorben und wiedergeboren worden, um weiter zu lachen.“ (Städtische Kunsthalle bis 25. März, Katalog 10 Mark).

Raimund Hoghe

München: „Von ProfitopoIi$ zur Stadt der Menschen“

Das ist keine Ausstellung, die allein mit dem Auge zu genießen, geschweige denn zu begreifen ist. Sie will auch gar kein ästhetisches Vergnügen machen, sondern den Verstand in Bewegung setzen. Es ist eine Ausstellung, die illustrierten Lesestoff bietet und ausdrücklich zur Lektüre aufruft: zum (Mit-, Nach-)Denken. So wäre es dem Ansinnen ihrer Autoren, des Direktors der Neuen Sammlung in München, Wend Fischer, und des Düsseldorfer Architekten Josef Lehmbrock, eines unermüdlich aufsässigen Zeitgenossen, sicherlich dienlich, werden die Besucher ein bißchen geschickter zum geduldigen Studium angeregt, zum Beispiel durch viel mehr als nur zwei Stühle (oder Hocker), auf die sie sich dabei setzen könnten. Denn was hier ausgebreitet wird auf den vielen, in zehn Kapiteln zusammengefaßten Tafeln, will ja zur engagierten Teilnahme am Städtebau herausfordern – dasselbe, das der Vorgänger dieser Ausstellung mit einer damals! unvorstellbar gewesenen Intensität erreicht hätte: „ProfitopoliS“, 1971 vorgeführt, wurde zur erfolgreichsten Ausstellung überhaupt. Bisher ist sie in hundertvierzig Städten aller Kontinente gezeigt worden und noch immer unterwegs. Zwar hat sie die erste bedeutende Ausstellung zum Thema – „Deutschland, deine Häuser“ von 1963 nicht an Bildkraft und Witz, aber an Wirkung weit übertroffen – wohl weil sie im richtigen Augenblick veranstaltet wurde. Die Öffentlichkeit war für die ermunternden und ermutigenden Provokationen vorbereitet. „Die Bürger“, schreibt’ Wend Fischer, „haben begonnen, die Initiative zu ergreifen, und haben bereits einiges erreicht.“ Es kommt nun aber hinzu, daß „immer mehr Stadtplaner und Architekten ... im kritisch fordernden Bürger nicht mehr den Störenfried“ sehen, „der ihre Pläne durcheinanderbringt, sondern den Partner, dessen politisch nachdrückliche Unterstützung sie dringend brauchen“. Jetzt, sieben Jahre danach, setzen die beiden Autoren ihre erste aufklärerische Ausstellung zum Thema, ihre „Anstiftung zum Nachdenken“ mit einer erfrischenden Variation fort Der alte Untertitel ist nicht aufgehoben: „Der Mensch braucht eine andere Stadt.“ Aber leise Hoffnung weist nun den Weg dorthin: „Von Profitopoli$ zur Stadt der Menschen.“ Die Schau ist moderner als die alte, kurzweiliger gegliedert und so geschickt gehängt daß man den – didaktisch gesponnenen – Faden nicht verliert. Wieder begnügt sich die Ausstellung nicht mit Lamentieren oder dem bloßen Fordern, sondern führt Beispiele vor und knüpft daran sehr bemerkenswerte Vorschläge. Wer sie – zu Fuß – eher zu flüchtig wahrgenommen hat, kann sie – im Sitzen zu Hause – korrigieren und obendrein ergänzen: Der Katalog enthält alle Tafeln der Ausstellung; sie werden ergänzt durch eine Anzahl couragierter Artikel zu einzelnen Themen. Nach einer unerwarteten Belehrung gefragt, wird manch einer wohl die Korrektur eines beliebten Vorurteils nennen: daß die „Charta von Athen“ die Ursache alles Bösen sei. So wurde sie jahrzehntelange zwar beschimpft und zum „Prügelknaben für die Fehlentwicklung der Städte“ gemacht, aber nie gelesen. Sie ist besser als ihr Ruf. (Die Neue Sammlung, München, bis 25. März. Katalog 28 Mark) Manfred Sack