Von Geert Murmann

Der Titicacasee, das heilige Meer der Inkas, der höchste schiffbare See der Welt, liegt zum Teil in Bolivien, zum Teil in Peru. Noch vor zwanzig Jahren war für eine Reise zum berühmten Wallfahrtsort Copacabana eine robuste Kondition Voraussetzung. Mit Segelbooten wurden Passagiere samt klapprigem Omnibus bei jedem Wetter an einer See-Enge ans andere Ufer befördert, und nachts gab’s in der Seeherberge heiße Ziegelsteine zum Aufwärmen in die Bettstatt. Heute geht es im Tragflügelboot über den See. Dennoch wäre es übertrieben, von einer komfortablen Reise zu sprechen.

Es fing schon barbarisch früh an. Wir hatten uns, eingedenk der kalten Gasthausbetten vor zwanzig Jahren, nur für eine Tagesfahrt entschieden, die eine bolivianische Reiseagentur alles in allem für 60 Dollar anbietet. Gegen halb sechs wurden wir in La Paz, der bolivianischen Hauptstadt, von einem leidlich modern anmutenden Kleinomnibus abgeholt, gegen halb sieben waren wir auf dem Altiplano, der Hochebene, und kurz danach schon beim ersten Wettrennen. Denn südamerikanische Chauffeure hassen es, überholt zu werden.

Bei zwei gleich starken Gegnern kann sich der Kampf hinziehen. Die Nerven eines mitreisenden Nordamerikaners hielten das Wagenrennen auf der Schotterpiste nicht mehr länger aus. „Das ist ganz und gar unerträglich“, rebellierte er im Namen von rund zwanzig Gringo-Passagieren (Nicht-Südamerikaner). Er sprach es streng, in Amerikanisch und Spanisch, wobei sich das Spanische wenig vom Englischen unterschied. Der Fahrer lenkte ein, aber der Tag war ihm verdorben; Mißmutig und mit trotzigem Schwung donnerte er durch die zahlreichen Rinnsäle, Bäche und Tümpel, daß das Wasser hoch aufspritzte und die Passagiere von den Sitzen flogen.

In La Paz heißt der Titicacasee, der still und tiefblau in 4000 Meter Höhe in der Sonne schillert, schlicht „Lago“. Er ist fast dreizehnmal so groß wie der Bodensee und – umgeben von den nach Göttern benannten Schneeriesen der Königskordilleren – bis heute Mittelpunkt zahlloser Mythen und Legenden. Wenn Unwetter heraufziehen, sollte man besser die Flucht ergreifen: Haushohe Wellen bringen selbst die unsinkbaren Balsas (Schilfboote) zum Kippen. Und im eiskalten Wasser überlebt man nicht lange. Dort lauern außerdem die größten Forellen der Welt, die Truchas. Sie sind sehr wohlschmeckend und ihrerseits gefräßig. Sie sollen auch ertrunkene Menschen und Tiere nicht verschmähen, behaupten die eingeborenen Fischer.

In Huatajata, unserem ersten Ziel nach etwa zweistündiger Fahrt, erwartet uns ein Balsa-Boot zum Photographieren, samt Indianer, in malerischer Tracht paddelnd. Auch ein Lama posiert am Ufer. Beide sind so treuherzige Komparsen im noch laienhaften Spiel für die Touristen, daß man nicht verstimmt ist. Nach dem Frühstück („continental breakfast“) geht’s mit dem Tragflügelboot („Flecha del Inca“ – Inkapfeil), das innen einem kleinen, schmucken Rheindampfer ähnelt, an der Mondinsel vorbei zur Sonneninsel. Wir nähern uns dem Heiligsten der Heiligtümer während der Inkazeit, dem Geburtsort des Sonnengottes, des ersten Inkafürsten. Von hier aus begann nach der Legende das Inkageschlecht, das einmal den halben Kontinent beherrschen sollte, seinen Aufstieg. Ursprünglich durfte die heilige Insel nur der jeweils herrschende Inka betreten, außer ihm nur geweihte Sonnenjungfrauen und Priester. Der See erhielt von der Insel, die ursprünglich „Titicaca“ (Pumafels) hieß, auch seinen Namen. Ruinen eines königlichen Sommerpalastes und eines Tempels sind noch vorhanden.

Statt der Sonnenjungfrauen werden wir von einer Horde indianischer Kinder erwartet, die sich gegen Trinkgeld photographieren lassen. Zwei Stunden hat der Gast Zeit. Mit einiger List gelingt es, die Kinder abzuschütteln und allein zu sein. Ein elysischer, ein verwunschener Ort. Durch einen anmutigen, bienendurchsummten Hain führt eine lange, kaum zerfallene Steintreppe hinauf auf die Spitze eines Hügels. Die heiligen, „ewige Jugend“ spendenden Quellen sprudeln noch in den alten Originalfassungen, in dem für Inkabrunnen typischen breiten, flachen Strahl. Schafe und junge Lamas grasen auf den Terrassen in der steilen, hellen Sonne, und in der Ferne klingt das Lachen der Indianerkinder. Heidnische Heiterkeit liegt über dem Hain.