Des „Führers“ boxender Diplomat: Kein Verzicht auf den jüdischen Manager

Von Manfred Lehnen

Das Kontrastprogramm war teilweise schon verwirklicht: „Wir wollen wieder ein Muskel-Judentum schaffen.“ Diese Devise wurde beim zweiten zionistischen Weltkongreß 1898 in Basel verkündet. Zwei Jahre zuvor, bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit in Athen, hatte der Berliner Turner Alfred Flatow gleich drei Goldmedaillen erobere. Er wurde, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, aus seinem Verein ausgestoßen – und später ins Konzentrationslager gebracht. Er starb in Theresienstadt. Er war Jude.

Die Politik wählte nach 1933 keine Umleitung um den Sport. Im Gegenteil. Der Wissenschaftler Hajo Bernett stellt fest: „Die Geschichte der jüdischen Sportbewegung in Deutschland findet ein apokalyptisches Ende. Sie ist ein Abbild des Schicksals der Juden im Dritten Reich.“

Bernett schreibt dies in seiner verdienstvollen Dokumentation „Der jüdische Sport im nationalsozialistischen Deutschland 1933–1938“ (Hofmann-Verlag, Schorndorf). Er verschweigt dabei auch nicht die Zerstrittenheit der jüdischen Organisationen.

Toleranz auf Zeit – um diese Ware der Polit-Taktik ging der Streit. Die Nationalsozialisten setzten in ihrer olympischen Außenpolitik eine begrenzte Liberalität ein. Das makaberste Beispiel lieferte der Propagandaminister Josef Goebbels im Falle des NSDAP-Landesleiters in der Schweiz, Wilhelm Gustloff: „Als Gustloff 1936 von einem Juden erschossen wird, fordert Goebbels von der Presse Zurückhaltung, um den propagandistischen Erfolg der Olympischen Spiele nicht zu beeinträchtigen.“

Die Juden und der Sport – das ist auch ein Thema für den jüdischen Anekdotenerzähler Friedrich Torberg (Autor des Sportromans „Die Mannschaft“). Er entlarvte das „vulgärantisemitische Klischee“, das den Juden als „eine körperlich minderwertige, feige, wasserscheue und zu irgendwelcher physischen Leistung völlig untaugliche Figur hinstellte“.