Allen, die ihm glauben wollten, übermittelte Oberbürgermeister Erich Kiesl im Münchner Stadtanzeiger die beruhigende Nachricht: "Ein Kulturkampf hat nicht stattgefunden." Sehr wahrscheinlich war es voreilig, das Perfekt zu benutzen: wo nämlich der OB kein offenes Feuer entdecken konnte, macht sich weiterhin ein kräftiger Schwelbrand bemerkbar. In einem von ihm mit Sicherheit nicht gemeinten Sinn hatte er allerdings recht, einen Kampf um Kultur hat es nicht gegeben – es ging um die Macht.

Die Majoritätsfraktion im Münchner Rathaus hat unmißverständlich klargemacht, daß aus christlich-sozialer Sicht Kulturpolitik kaum mit Kultur, dafür aber überwiegend mit Politik zu tun hat. Das monatelange Tauziehen um das Konzept des Kulturreferenten zur Förderung der Kunst, bei dem die CSU das Filibustern übte und auch den Überfall aus dem Hinterhalt, endete mit dem eigentlich voraussagbaren Ergebnis, daß der Freiraum für Kunst eingeschränkt wurde anstatt erweitert. Im Namen der Freiheit der Kunst natürlich. Die forschen jungen Männer von der Rechten, die durchaus eindrucksvoll im Stil geübter Profis agieren (und so die recht matte Opposition vollends zu einem beklagenswerten Häuflein machen), haben Orwell vielleicht nicht gelesen, beherrschen jedenfalls aber die Technik des Doublethink. Wenn von einer "pluralistischen Kunstauffassung" die Rede ist, heißt das nicht, daß grundsätzlich jede Form gegenwärtiger Kunst ihre gleiche Berechtigung hat, sondern, daß Kunst quantifiziert werden soll und anteilig gefördert. "Heimische Kunst", die Mehrheit also jener Künstler, die nicht selten im Zweifelsfall eher in die Zuständigkeit des Sozialreferats fallen, wird damit automatisch bevorzugt vor der durch Anführungszeichen in Frage gestellten Moderne. Eine Minderheit, die für sich in Anspruch nimmt, heutige Positionen der Kunst zu vertreten, wird damit ausmanövriert. Begründung: Man könne keine Steuergelder "verschwenden" für Kunst, die nur eine Minderheit von Kunstpäpsten verherrlicht".

Innerhalb der CSU sind die Fronten auf geradezu groteske Weise verkehrt. Kultusminister Hans Maier hat erst kürzlich den Minderheitenschutz in der Demokratie betont und darauf hingewiesen, daß Freiheit der Kunst "in einem ganz präzisen Sinne Verzicht auf Bequemlichkeit" bedeute, und den Leinwandbegriff von Malerei als restaurativ bezeichnet – im Münchner Stadtrat gilt das genaue Gegenteil. Da nützt auch das emphatische Bekenntnis zu schöpferischer Freiheit und geistiger Freiheit und Toleranz überhaupt nichts mehr, das zudem vollends unglaubwürdig wird, wenn fast im gleichen Atemzug ein Förderpreis "experimentelle Kunst" abgelehnt wird.

Noch sieht sich der Kulturausschuß der Zumutung ausgesetzt, über Ankäufe der Städtischen Galerie zu befinden. Denn es passiert immer wieder, daß ihr Direktor, Armin Zweite, im wohlverstandenen Interesse seines Hauses Werke der nicht wohlgelittenen Minderheitskunst vorschlägt, Arbeiten von Künstlern, die auf der Biennale in Venedig oder anderen exotischen Veranstaltungen die deutsche Kunst repräsentieren. Das soll nun auch anders werden. Armin Zweite wird eine Ankaufskommission zur Seite bekommen, die gegenüber dem Stadtrat beratende Funktion hat. Wer genau in diese Kommission berufen werden soll, ist noch unklar. Mit einer Ausnahme: benannt ist der Leiter der staatlichen Gemäldesammlungen. Und der heißt Erich Steingräber. Von ihm erhofft sich die CSU im Stadtrat Flankenschutz, er soll, das ist offensichtlich, bestimmte Ankäufe verhindern. So versucht man, einen Mann, der durch eine breitgefächerte, immer wieder Münchnerisches miteinbeziehende Ausstellungstätigkeit das Ansehen der Kunststadt München gefördert hat, unter Kuratel zu stellen. Auf gut bayerisch heißt das: hinterfotzig.

Die Mehrheitsfraktion hat die liberale Maske gelüftet und ihr wahres Gesicht gezeigt. Sie ist inkompetent, aber sie hat die Macht, sie verfügt nur über ein Argument, aber das besitzt durchschlagende Wirkung: "Mir san die mehreren!"

Helmut Sehneider