Mitten auf der Straße haut ein fetter Mann auf eine Trommel, als ob er sie zerschlagen wolle. Die Frauen um ihn herum, die Lockenperücken aus roten, blauen und grünen Nylonfäden tragen, können ihren Jammer im Gesicht weder durch den genossenen Alkohol noch durch ihre Schminke verstecken. Als müßten sie beweisen, fröhlich statt frustriert zu sein, gröhlen sie mit dem Fetten im Chor Stimmungslieder. Immer mehr Menschen sehen an diesem Abend auf den Straßen zwischen meinem Hotel und dem Theater so aus wie diese Sänger. Sie tragen Pappnasen, blasen in quäkenden Spielzeugtrompeten, haben Masken vor dem Gesicht. Eine Gasthaustür öffnet sich zur Straße hin: Lärm und wieder dieser Gesang dringen mit einer Wolke von Zigarettenqualm und Schweißgeruch nach draußen. Es ist Karneval in Köln.

Im Theater sitzt mitten im Publikum, über ein Holzpodest gebeugt, im Schein einer Leselampe, mit einem Leinengewand bekleidet, asketisch und in sich versunken, ein Mann. Er könnte, wenn es das gäbe, einem Theaterorden angehören. Er könnte auch ein Theaterforscher sein, der sich gerade auf den Beginn eines neuen wissenschaftlichen Experiments konzentriert. Es ist Hansgünther Heyme. Die Bühne des Kölner Schauspielhauses scheint für seine Meditation, für seine Exploration nicht nötig: Der eiserne Vorhang, der unten eine Reihe Von achtzehn Fernsehgeräten trägt, ist heruntergelassen. Auf einem Spielpodest über den ersten Sitzreihen, das von einem Baldachin aus schwarzem Stoff überdacht ist, steht eine Videokamera. Neben dem linken Beleuchtungsgerüst hängt ein totes Pferde kopfunter über einem großen Glaskelch. Blut tropft aus den Nüstern des Pferdes in das Glas. Ein fetter Mann tritt auf, mit grauem Bart, Bowler, Gummistiefeln. Vor seinem Bauch baumelt ein Photoapparat. Der Fette gröhlt nicht, trommelt nicht. Er geht auf und ab: summend und wie ein Schmetterlingsfänger. Es ist der Beginn einer Inszenierung des „Hamlet“ durch Hansgünther Heyme in Köln.

Wenn der Abend im Theater begonnen hat, zieht ein Liliputaner eine alte Frau hinter sich her zu dem Fetten hin. Auf dem Rücken trägt die Alte eine Reihe dünner Antennenstäbe, die ihr bis über den Kopf reichen. In das Mikrophon, das der Liliputaner hält, spricht sie einen Text von Shakespeare: Er mündet in einen Rachebefehl an den Fetten, der träge neben ihr kauert („Räch diesen schnöden, unerhörten Mord Gedenke mein!“). Der Geist des alten Hamlet hat zu Hamlet gesprochen. Die Tragödie ist programmiert: Schauerlich bläst es aus den Lautsprecherboxen. Düster drohend zerreißt die Alte – den Film aus Hamlets Photoapparat. Verzweifelt schlägt Hamlet gegen den Eisernen Vorhang, bis auch die Bilder auf den Monitoren zerreißen. Dann beginnt Hamlet, verspätet, seinen ersten Monolog: „O schmölze doch...“ Vor der Videokamera vergräbt er seine Hände ins Gesicht, verzerrt es zur Grimasse. Die Sprache hat es ihm seit dem Rachebefehl verschlagen. So springt der Theatermönch, der Theaterwissenschaftler im Parkett für ihn ein. Er spricht den Hamlet, von seinem Platz aus, am Pult, vor einem Mikrophon; fast ergreifend, wie gläubig er Shakespeares Verse gegen Heyme/Vostells Bilder verteidigt.

Wenn es später im Text um Sein oder Nichtsein geht, sprechen der Hamlet im Parkett und der Hamlet auf der Bühne um die Wette. Bis endlich der Hamlet-Sprecher Heyme zu dem Hamlet-Spieler Wolfgang Robert auf die schmale Spielfläche geht: Mit dem Mikrophon in der Hand verhört er zusammen mit seinem dicken Kollegen seine Mutter, die Königin.

Schon lange zuvor hatte sich Ophelia grübelnd neben dem – blutenden Pferd niedergelassen. Schluchzend, auf dem Boden hockend, malte sie mit dicken schwarzen Strichen die Umrisse einer Hamlet-Figur auf eine der Mattscheiben: Hamlet, der Dritte, wurde ein Strichmännchen. Die beiden anderen Hamlets hatten sich schon längst ins Verwechselbare, ins Unpersönliche vervielfachte Auf den Monitoren waren erschienen: Hamlet, der Erste, achtzehnfach; Hamlet, der Zweite, achtzehnfach. Nur das Strichmännchen war in dieser Welt der Bilder, von der man kein Bild mehr behielt, eine einzigartige, weil nicht multiplizierbare Figur.

Eine Tragödie vom Spurensuchen und Spurenverwischen: Hansgünther Heyme und sein Medienkünstler Wolf Vostell schienen sich zu Shakespeares Stück verhalten zu wollen, wie sich die Personen in Shakespeares Stück verhalten. Doch daß sie vor lauter elektronisch erzeugten Bildern kein Bild mehr finden, keine Spur mehr sichern könnten, hatten sie von Anfang an vorausgesetzt. Neben allen technischen Apparaturen erzählt auch schon der Besetzungszettel vom Elend der Multiplikation durch die Medien. Hamlet erscheint doppelt; Ophelia (Gabriele Isakian) kehrt am Ende als Fortinbras zurück; der Geist des alten König Hamlet (Josefine Schult-Prasser) ist auch der alte König Hamlet in der Spiel-im-Spiel-Szene; Rosenkranz (Hans Wacker) und Güldenstern (Gerd Braasch) erscheinen wieder als zwei Totengräber. Wohin auch immer unter diesen Voraussetzungen das Auge der Videokamera blickt etwas Gewisses sieht es nicht. Es sieht immer nur etwas Willkürliches und Beliebigkeiten: einen Kopf, der spricht, einen Mund, der kaut, oder bloß ein Stück vom Boden.

Eine Tragödie vom Spurensuchen und Spuren-Derwischen Hansgünther Heyme und sein Medienkünstler Wolf Vostell haben nur so getan, als würden sie suchen. Im Grunde war am Anfang schon alles gefunden, auf ein beeindruckendes Schlußtableau hin ausgerichtet worden. Da hob sich der Eiserne Vorhang vor einer Bühne voll unzähliger, blind flimmernder Fernsehgeräte. Da lagen Claudius und Gertrud, Hamlet und Laertes nackt und tot in fahrbaren Blechwannen, ihre Eingeweide obenauf. Da drehte der Liliputaner den toten Hamlet in seiner Wanne im Kreis. Da war der Rest kein Schweigen (der Tagesschausprecher las ungerührt von allen Grausamkeiten seine Berichte vor). Da drehte der Zwerg den töten Hamlet weiter und weiter und weiter.

Über einen anfänglichen Zweifel herrschte am Ende der Veranstaltung Klarheit: Ein Theaterforscher war der asketisch wirkende Mann am Lesepult nicht. Eher schon ein Theatermönch. Er hatte ein Mysterienspiel vom Terror unserer Medien zelebriert. An diesem Karnevalsabend wirkte es wie ein Beschwörungsritual, um die Jecken draußen zu vertreiben: wie Theater gegen die Stadt. Helmut Schödel