Von Karl Ruhrberg

Das „gesunde Volksempfinden“ probt wieder einmal den Aufstand. Die unheilige Allianz potentieller Bilderstürmer reicht von „Quick“ auf der einen, bis zu den Vulgärmarxisten auf der anderen Seite des politischen Spektrums. Für Jean Améry war die Gefährdung des Jugendaufstands der sechziger Jahre und seines moralischen Elans durch einen realitätsblinden Irrationalismus die zweite bittere Enttäuschung der Nachkriegszeit nach dem moralisch gescheiterten Wiederbeginn. Er bescheinigte den heruntergekommenen Erben der Bewegung, sie hätten das kritische Denken und Aufbegehren zugunsten hohler Phraseologien und Leerformeln verabschiedet. Anlaß der neuerlichen, emotional aufgeladenen, intellektuell unkontrollierten Angriffe auf Kunst und Museum sind die bereits geplanten oder vollzogenen Aufwendungen für Museumsneubauten in der Bundesrepublik, von Stuttgart bis Mönchengladbach, von Hannover bis Düsseldorf, von Ludwigshafen bis Köln. Die Projekte sind Folge eines enormen, in seiner Potenzierung nicht vorhergesehenen Publikumsinteresses. Bei einer Steigerungsrate von zwanzig Prozent gegenüber dem Jahr davor stieg die Besucherzahl der bundesdeutschen Museen (einschließlich der historischen und kulturgeschichtlichen) 1977 auf 32 Millionen, in Köln allein auf zwei Millionen, also die doppelte Einwohnerzahl. Das steigende Interesse bezieht sich nicht nur auf die tradierte, sondern nachweisbar auch auf die zeitgenössische Kunst, wie die 350 000 Besucher der insgesamt eher spröden documenta von 1977 gezeigt haben.

Der Pädagoge Volker Klotz sieht in diesem neuen „Museumsboom“ den Versuch, „dem komplexeren Lebensverständnis aufzuhelfen, das nicht vom Brot allein leben möchte“. Trotzdem werden Agitatoren und falsche Propheten nicht müde, von einer „elitären“ Kunst für privilegierte Minderheiten zu faseln. Tatsache ist, daß europäisches Bildungsverständnis seit der Antike utilitaristisch geprägt ist, daß die Kräfte der Phantasie und der Anschauung dabei zu kurz gekommen sind. Es bedarf keiner besonderen analytischen Gaben, um festzustellen, daß dieses Manko durch eine verfehlte Bildungspolitik bis in unsere Tage hinein vergrößert wurde. Chancenungleichheit gibt es noch immer, und zwar in einem besorgniserregenden Maße, infolgedessen auch Unterprivilegierte, denen ohne eigene Schuld das Verständnis für Kunst und Kultur fehlt. Aus dieser richtigen Erkenntnis wird die falsche Schlußfolgerung abgeleitet, daß dies immer so bleiben müsse. Statt den Bildungspolitikern – und vielleicht sich selbst und den eigenen Versäumnissen – gibt man der Kunst und ihrer angeblichen hermetischen Verweigerung die Schuld. Diese resignative Haltung löst Aggressionen aus, die in die verkehrte Richtung zielen, und sie mutet einen besonders seltsam an bei Leuten, die bestehende soziale Systeme radikal verändern wollen. Sie haben, soweit sie sich – im weitesten Sinne – als sozialistisch verstehen, offenbar die Tradition und die beachtlichen Resultate der Arbeiterbildungsvereine vergessen. Hätten sie Recht, bedeutete das die Verewigung des Bildungsnotstandes. Dann müßte man wirklich Beckett oder Picasso auf Null bringen und sie durch Klamotte und Kaufhausmalerei ersetzen, statt den Versuch zu wagen, ihre Werke dem breiten Publikum nahezubringen. Doch die pseudo-progressiven Neo-Positivisten haben Unrecht. Ihnen’ ist Bertolt Brechts Adresse an die Formalismusbekämpfer entgegenzuhalten: „,Das versteht das Volk nicht“, sagen sie... In der Tat unterschätzen solche Leute das Volk ganz unverschämt, das sie so schätzen.“

Wie ungeniert Ikonoklasten mit gezinkten Karten spielen, zeigen viele Polemiken an den verschiedensten Orten dieses Landes, zum Beispiel die gegen den geplanten Museumsneubau in Köln. Da wird von einem „Geburtstagsgeschenk an einen Millionär“ gesprochen, obwohl jedermann weiß, daß der Aachener Sammler Peter Ludwig nicht nur dem Museum, das seinen Namen trägt, sondern auch dem Schnütgen- und dem Rautenstrauch-Joest-Museum (ebenso wie vielen anderen Kunsthäusern in Europa, von Basel bis Aachen und Kassel) aus seinen Mitteln Werke außereuropäischer, europäisch-antiker und mittelalterlicher Kunst zur Verfügung gestellt hat, deren realer Wert das Vielfache dessen beträgt, was für den Museumsneubau (zumal die Abteilung Ludwig für sich betrachtet) aufgebracht werden muß (darunter Handschriften vom 8. bis 18. Jahrhundert, deren Wert von Experten auf 100 bis 150 Millionen Mark geschätzt wird). Die Stadt Köln hat nichts anderes vor, als eine angemessene Antwort auf die private Kunstförderung als Bürgerinitiative größten Stils zu geben. Die Gegner im christdemokratischen wie im linken sozialdemokratischen Lager verschweigen, daß nicht nur das Museum Ludwig für Kunst des 20. Jahrhunderts – hervorgegangen aus der modernen Abteilung des Wallraf-Richartz-Museums mit der Sammlung Haubrich als gloriosem Auftakt –, sondern auch des letzteren bedeutende Bestände vom 13. bis 19. Jahrhundert sowie ein zur Rei-Aktivierung des Kölner Musiklebens dringend erforderlicher Konzertsaal für 2000 Personen zum Neubau gehören. Überdies sind die neuen Kulturbauten Teil einer städtebaulichen Gesamtplanung Dom/Rhein, deren Gelingen für die Zukunft und die Qualität städtischen Lebens an Kölns wichtigstem Platz entscheidende Bedeutung hat. Es fällt schwer zu verstehen, daß sowohl Traditionshüter wie auch ein Teil der politisch organisierten jungen Leute, die sich so gern für fortschrittlich halten, die unsensationelle, fast schon Allgemeingut gewordene Erkenntnis verdrängen, daß die Humanisierung der Innenstädte erste Voraussetzung der Verbesserung von urbaner Lebensqualität ist, wozu sich nach übereinstimmender Erkenntnis Kulturinstitutionen am besten eignen. „Alternativ“ könnten nur Warenhäuser, Banken, Versicherungs- oder Hotelpaläste sein.

Die ehemalige „Sammlung Ludwig“ macht einschließlich der seit 1968 erfolgten Neuzugänge etwa 20 Prozent der Kollektion moderner Kunst im neugegründeten „Museum Ludwig“ aus. Dieses nimmt wiederum zwanzig Prozent des Gesamtprojekts für: sich in Anspruch. Trotzdem wird von den Gegnern so argumentiert, als seien die zu erwartenden hohen Kosten allein dem Museum Ludwig anzulasten. Genauso widersinnig, um nicht zu sagen infam, ist das Ausspielen wichtiger sozialer Aufgaben, deren Vorrang kein vernünftiger Mensch bestreiten wird, gegen kulturelle Aktivitäten, die doch – zumal in der Freizeitgesellschaft von heute und morgen – ebenfalls ein Stück Sozialpolitik sind.

Die Taktik ist klar. Man baut – leicht genug ist es ja – den vermögenden Namenspatron als Zielscheibe für alle Angriffe auf, obwohl er durch seine Stiftungen für das „demokratischste aller Bildungsinstitute“ (Gustav Pauli), den „Versammlungsort Gleichberechtigter“ (Jürgen Habermas) einen beträchtlichen Teil seines Privatvermögens zu Volksvermögen gemacht und damit der im Grundgesetz formulierten Feststellung, daß Eigentum verpflichte, in ungewöhnlichem Maße gerecht geworden ist. Hinzu kommt der bemerkenswerte Umstand, für den es meines Wissens in Europa keine Parallele gibt, daß dieser Sammler amerikanischer Größenordnung nicht für sich selbst, sondern stets ausschließlich für die Öffentlichkeit gesammelt hat. Im Grunde ist der reiche Privatmann Ludwig primär auch gar nicht gemeint. Gemeint ist etwas ganz anderes: nämlich die zeitgenössische Kunst. „Ist dies schon Tollheit, so hat es doch Methode.“ Da sprechen Kommunalpolitiker bereits wieder von dem „wertlosen Zeugs“, für das „Steuergelder verschwendet“ würden (ein Graubner-Bild mit Museumsqualität ist nicht teurer als die TV-Abendgage für Anneliese Rothenberger!). Da spricht der höchste Münchner Museumsmann in einer vergessen geglaubten Terminologie von „pornographischen Schmierereien“, von „gewisse(n) Exegeten des Götzen Duchamp, die Hand in Hand mit den politischen Anarchisten kämpfen“, so, als hätte es den schlimmen Verbalradikalismus der Aktion „Entartete Kunst“ und ihrer Vorläufer, der Tagungen des „Kampfbunds für Deutsche Kultur“ und des „Erlasses wider die Negerkultur“ des Ministers Frick nicht gegeben (und zwar zum Teil schon in den späten Jahren der Weimarer Republik). Man erinnert sich: „Zersetzung des Form- und Farbempfindens „absolute Dummheit der Stoffwahl“, „Bordellkunst“, so hieß das damals, und selbstverständlich hatte die „Kunstentartung“ einen „politischen Hintergrund“. Hat Generaldirektor Steingräber, hat der bayerische Kultusminister, hat die Münchner CSU-Stadtratsfraktion das vergessen?

Auf der anderen Seite der politischen Landschaft wird der Katalog einer Jubiläums-Ausstellung zu Ehren des Malers Carl Hofer in Berlin in weiten Teilen zur Agitationsillustrierten umfunktioniert, bringt ein 1000-Seiten-Katalog zum Theater in der Weimarer Republik auf 750 Seiten Bilder der Greuel des Ersten Weltkrieges, der Unterdrückung sozial schwacher, verelendeter Volksschichten (was an sich ja durchaus verdienstvoll ist), vergißt dann aber darzustellen, daß das Theater jener Jahre zu wesentlichen Teilen von einem Mann namens Max Reinhardt geprägt worden war, auch und gerade in Berlin, macht sich statt dessen – und etwas verspätet – über den ehemaligen deutschen Kronprinzen lustig. Da wird beim mehr oder weniger berechtigten Protest gegen gewisse unfeine Marktmechanismen des dämonisierten westlichen Kunstbetriebs, beim Schrei nach staatlichen Eingriffer. und fremdenfeindlichen administrativen Verordnungen im Bereich der Kunst verdrängt, was dabei herauskommen kann, wenn man nicht aufpaßt und das Feld den Ideologen überläßt: „Die Freiheit des wissenschaftlichen, technischen und künstlerischen Schaffens wird“, so heißt es in Artikel 47 der Verfassung der UdSSR, „den Sowjetbürgern im Rahmen der Ziele des Kommunismus garantiert.“