Von Erika Martens und Heinz Michaels

ZEIT: Herr Janßen, Vertrauensleute in der Stahlindustrie fordern, Hans Janßen und andere Spitzenfunktionäre der IG Metall müssen weg, weil das Streikziel nicht erreicht wurde. Ein Bezirksleiter der IG Metall bezeichnet den Tarifvertrag für die metallverarbeitende Industrie als „erträglich“ – nicht gerade ein positives Urteil. War die Tarifrunde für die IG Metall nicht ein Fiasko?

Janßen: Sie war schwer. Resolutionen, die die Ablösung von Spitzenfunktionären unserer Gewerkschaft verlangen, sind sicherlich schmerzlich. Aber ein Fiasko war die Tarifbewegung mit Sicherheit nicht. Ich wage zu behaupten, daß nach keiner Auseinandersetzung ein qualitativ so hochwertiges Ergebnis gestanden hat wie nach dem Streik in der Stahlindustrie.

ZEIT: Nur ein anderes Ergebnis als das, für das die Stahlarbeiter in den Arbeitskampf gegangen sind?

Janßen: Jetzt haben Sie eigentlich zwei Fragen gestellt. Auf die eine Frage – hat der Arbeitskampf sich gelohnt? – würde ich vorbehaltlos antworten: ja. Wenn wir die Frage stellen: Ist das Streikziel erreicht worden?, dann würde ich ehrlicherweise zugeben: nein. Aber dieses Nein muß ich ergänzen. Wir haben den Einstieg in die 35-Stunden-Woche nicht für alle geschafft, gleichwohl für den größten Teil der Beschäftigten in der Stahlindustrie. Das, was an zusätzlicher Freizeit herausgekommen ist, entspricht rechnerisch etwa einer einstündigen Arbeitszeitverkürzung.

ZEIT: Die IG Metall hat im letzten Jahr zweimal gestreikt: Einmal für den Schutz gegen Abgruppierung der Löhne, also Schutz vor Folgen der Rationalisierung, ein anderes Mal für den Einstieg in die 35-Stunden-Woche. Welches Ziel verfolgt die IG Metall eigentlich?

Janßen: Wir treten für Tarifverträge ein, die die Beschäftigung, die Qualifikation und den Lebensstandard der Arbeitnehmer sichern und die Unternehmer verpflichten, die Arbeitsbedingungen menschengerecht zu gestalten. Wir wollen unsere Mitglieder vor den akuten Gefahren schützen, die aus der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung drohen. Die IG Metall ist in diesem Sinne 1978 zweimal angetreten, um gesellschaftspolitische Weichen zu stellen. In Baden-Württemberg ist zu. Beginn des letzten ein sehr erfolgreicher Arbeitskampf geführt worden. Zwar ist das gesellschaftspolitische Ziel der kollektiven Absicherung nicht erreicht worden. Aber wir haben einen hervorragenden Tarifvertrag über die individuelle Absicherung der Arbeitnehmer erreicht. Und so war es in der Eisen- und Stahlindustrie auch. Dort haben wir zwar das große gesellschaftspolitische Ziel, den Einstieg in die 35-Stunden-Woche für alle, nicht erreicht, gleichwohl ein hervorragendes Ergebnis erstreikt. Und ohne den Streik hätten wir in der verarbeitenden Metallindustrie den Stufenplan zur Einführung des Sechs-Wochen-Urlaubs für alle nicht durchsetzen können.