Das Bild der Großkatze hat sich gewandelt / Von Bernhard Grzimek

Beinahe dreißig Jahre habe ich Tiger gezüchtet, habe sie alle regelmäßig gesehen. Aber nur ein Tiger war darunter, der mich, wenn ich herankam, stets nach Tigerart begrüßte, indem er die Luft zwischen den geschlossenen Oberlippen hinausstieß. Er erwiderte auch stets meinen eigenen „Tigergruß“.

Tiger ist nicht gleich Tiger. Auch kann sich derselbe Tiger zu verschiedenen Menschen sehr unterschiedlich verhalten. Ich selbst habe im Jahre 1942, um eine wissenschaftliche Vermutung zu erhärten, die sechs Königstiger des Zirkus Sarrasani an Stelle des Dompteurs einmal allein vorgeführt. Die Zuschauer in der Abendvorstellung ahnten nicht, daß ich nicht der dazugehörende Dompteur war. Alles ging gut. Aber ein paar Monate später griff die Tigerin Tibet, die willig durch den brennenden Reifen über meinem Kopf gesprungen war, den berühmten und sehr erfahrenen Tigerdompteur Togare an: er mußte mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. Eine französische Filmschauspielerin, die meinen Versuch im Pariser Zirkus Medrano nachahmen wollte, tat dies unklugerweise in Begleitung des Dompteurs. Sie wurde von einem der Tiger angegriffen und zwei Minuten lang durch den Käfig geschleppt. Sie blieb linksseitig gelähmt.

Im vorigen Jahr riß ein Tiger im Safari-Park bei Töddern (Westfalen) einer unvorsichtigen Besucherin ein Bein ab. Im Überacher Privorzog. büßte eine Frau, die über die Absperrung gestiegen war, ihren Leichtsinn mit dem Verlust eines Armes. Der Tiger hatte sich zuvor von ihr streicheln lassen. Im Zoo von Clermont-Ferrand wurde, nachdem, versehentlich ein Käfig offengeblieben war, der Zoodirektor von einem Tiger getötet.

Hundert Arbeiter getötet

„Was für ein netter Hund!“ soll eine kurzsichtige alte Dame freudig ausgerufen haben, nachdem ein Tiger durch das Fenster in ihr Schlafzimmer gesprungen war. Das Tier war in der nordspanischen Hafenstadt Gijon aus dem Zirkus entflohen und von der alten Dame liebevoll gestreichelt worden. Der „nette Hund“ machte noch einen Rundgang durchs Haus, focht einen kurzen Kampf mit seinem Ebenbild im Spiegel aus und legte sich gemütlich aufs Bett, bis ihn sein Wärter abholte.

Bobby, ein riesiger Tiger des Tierlehrers August Mölker, war so zahm und anhänglich, daß Mölker ihn mit ins Zimmer nehmen konnte. Als der Tierlehrer eines Tages von einem der anderen Tiere, dem Sunda-Tiger Java, angegriffen wurde, ließ Mölkers Frau den Tiger Bobby frei, der seinerseits den Angreifer attackierte und damit Mölker das Leben rettete.