Von François Bondy

Ein Vergleich bietet sich an zwischen drei Sammelbänden über die geistigen und politischen Probleme der Sozialdemokratie – zwischen Richard Löwenthal „Sozialismus und aktive Demokratie. Essays zu ihren Voraussetzungen“ (S. Fischer 1974), die Festschrift für Richard Löwenthal „Sozialismus in Theorie und Praxis“ (De Gruyter 1978) und jetzt die Festschrift zu Willy Brandts fünfundsechzigstem Geburtstag:

Richard Löwenthal (Herausgeber): „Demokratischer Sozialismus in den achtziger Jahren“; Europäische Verlagsanstalt, Köln 1978; 278 S., 26,– DM.

Wie die Thematik legt die dreifache Anwesenheit Richard Löwenthals als Autor, Gefeierter und Herausgeber den Vergleich nahe, der freilich einen Kontrast deutlich macht. Denn mit „Demokratischer Sozialismus in den achtziger Jahren“ haben wir ein Gipfeltreffen von einem Buch. Unter den dreizehn Autoren (Löwenthals Einleitung nicht mitgerechnet) sind fünf amtierende und drei vormalige Staats- und Regierungschefs, dazu fünf weitere Parteiführer. Die Ausnahme ist der Amerikaner Michael Harrington, der die Lage der „überflüssigen Menschen“ in den Vereinigten Staaten schildert und zum Schluß kommt, daß die „Marginalen“ bei allem sozialen Elend sowenig wie die Industriearbeiter die Grundlage einer amerikanischen sozialistischen Bewegung bilden.

Aktive Politiker werden – es ist kein Vorwurf – Probleme nie so kritisch formulieren wie Autoren ohne staatliche und parteiliche Verantwortung. Dafür haben sie Erfahrungen, die wiederum die Beobachter nicht besitzen. Ein Historiker mag feststellen, daß die großen Optionen der Bundesrepublik – Marktwirtschaft, Bindung an die Europäische Gemeinschaft, Abkehr vom Primat der nationalen Wiedervereinigung – von den Sozialdemokraten nicht geschaffen, nur allmählich und nach langen Widerstreben – man vergegenwärtige sich Herbert Wehners schroffe Kritik an den Thesen über Deutschland, die Karl Jaspers in der ZEIT veröffentlicht hat – übernommen wurden. Der Bundeskanzler kann das nicht schreiben, es schadet aber nichts, wenn der Leser es bedenkt.

Immerhin äußert sich Helmut Schmidt prägnant und gedankenreich. Zu François Mitterrands Gunsten muß angenommen werden, daß er den nicht datierten Beitrag mit dem rhetorischen Ausblick auf „Zusammenschluß aller volkstümlichen Kräfte“, auf „mächtigen Elan“ einer sich ständig vertiefenden Linksunion mitten im Wahlkampf geschrieben hat und nicht nachher. Zu erfahren ist da nichts. Immerhin hatte Mitterand einst erklärt, zwischen seinem revolutionären Sozialismus und Willy Brandts Sozialdemokratismus sei keine Verwandtschaft. Seine Beteiligung an dieser Festschrift bestätigt eine bemerkenswerte Wandlung.

Am erfrischendsten ist der Beitrag des britischen Premierministers Callaghan, der die Einsicht rühmt, aus der der Marshall-Plan entstand, von Labourregierungen spricht, die verdientermaßen Wahlen verloren hat, eine Neubewertung der kleinen Unternehmen postuliert und das politische Interesse an Namibia mit dem englischen Bedürfnis nach Uranlieferungen verknüpft.