Wie in Süditalien Früchte vor der Vernichtung gerettet werden

An der Mésima lagern die Zigeuner. Sie lauern mit großen Netzen nur ein paar tausend Meter nördlich der Stelle, an der Europas größtes Mahnmal für wirtschaftliche Fehlplanung steht – die verödete Infrastruktur für das in Kalabrien projektierte, aber nicht mehr realisierbare staatliche italienische Stahlwerk Gioa Tauro.

Die Zigeuner ziehen reiche Beute aus dem Fluß: nicht etwa Fische, sondern Apfelsinen. Etwas weiter flußaufwärts kippen Lastwagen die Fracht im Auftrage der italienischen Agrarmarktorganisation AIMA ins Flußbett. Die AIMA handelt stellvertretend für das Brüsseler EG-Agrarregime, das vorsieht: Bei Überproduktion können unverkäufliche Mengen aus dem Markt genommen werden, wobei den Bauern aus EG-Steuermitteln die Kosten vergütet werden. Allein in Kalabrien werden auf Grund dieser Bestimmung in der laufenden Saison 500 000 Doppelzentner Orangen aus dem Verkehr gezogen. Je Kilo zahlt die EG 100 bis 150 Lire (24 bis 36 Pfennig).

Was die Agrarmarktordnung und die Beamten in Brüssel jedoch nicht vorgesehen haben: daß die behenden Zigeuner jede zehnte oder zwölfte Frucht neu einwickeln und dann die ganze erbeutete Last „verkaufen“. Bereitstehende Vermittler bringen die Fuhren neu deklariert zu anderen Ablieferungszentren, kassieren zum zweitenmal, und der Kreis schließt sich aufs neue. „Apfelsinenwalzer“ nennt man dieses Spiel, das die Ware nach Aussagen der Einheimischen bis zu zehnmal aushält. Das „Recycling“ auf Kosten der EG-Steuerzahler bringt damit sogar mehr als eine normale Vermarktung. Zufällig entsprechen 1000 bis 1500 Lire (2,40 bis 3,60 Mark) dem Preis, den die Hausfrau in Norditalien für das Kilo Apfelsinen anlegen muß ...

Es ist kein Geheimnis, daß die ortsansässige Mafia, in Kalabrien Camorra genannt, beim Apfelsinenwalzer den Takt angibt. Ist doch das große Geschäft der Bau- und Bodenspekulation mit dem Stahlzentrum bereits fast gelaufen. Obwohl rivalisierende Gruppen ein paar Dutzend Konkurrenten mit gestutzter Flinte und Dynamit aus dem Wege geräumt haben und die Entführung gegen Lösegeld als neuer Erwerbszweig dazu kam, kann deshalb die Geheimgesellschaft neue Verdienstmöglichkeiten brauchen.

So schart sich um den Obsthandel „eine buntgemischte Gesellschaft von Lastwagenbesitzern, Vermittlern, Mafia-Leuten und Ausbeutern“, klagt Mailands Tageszeitung Corriere della Sera. Fachleute bestätigen, daß die Marktregelung bei den Orangen in einen „perversen Mechanismus“ ausgeartet ist. Und nicht nur in Kalabrien, sondern auch in den übrigen italienischen Produktionszentren von Sizilien und Apulien werden Zehntausende von Tonnen Orangen abgeliefert.

In Brüssel hatte man empfohlen, die noch brauchbare, aber wegen Absatzschwierigkeiten nicht verkäufliche Ware möglichst öffentlichen und karitativen Institutionen, wie Krankenhäusern, Schulen und Altersheimen, zukommen zu lassen. Davon keine Spur: Entweder landet die Ware auf einem Abfallhaufen oder im Fluß, wird untergepflügt, durch die Hintertür doch in den Handel gebracht oder zu Saft und Mannelade verarbeitet.