/ Von Werner Burkhardt

Noch lassen sie nicht alles mit sich machen, und die leise Tapferkeit, mit der sie sich gegen sklaventreiberische Vermarktung wehren, ihre musikalische wie menschliche Identität nicht aufgeben wollen, ist zu bewundern. Aber man zittert um sie, muß befürchten, daß die Kommerzlawine auch über diese Rocker rollt. Der Weg vom Elend in den Glanz, „from tags to riches“, wie die Musikanten selbst sagen, hat eben seine Tücken. Die vier Mitglieder der britischen Rock-Gruppe „Dire Straits“ müssen das gerade am eigenen Leibe erfahren.

In München ließ ich mir von ihnen erzählen, wie man sich fühlt bei einem Erfolg, der so überraschend, aber keineswegs überstürzt gekommen war. „Dire Straits“, was im klassenbewußten Slang der englischen Arbeiter soviel heißt wie „total abgebrannt“, sind nämlich keine grünen Jungs, denen der jähe Hit in den Schoß fiel. Ein schon seit längerem bestehendes, erstklassig funktionierendes Modell wurde zum Senkrechtstarter.

Musik nach Menschenmaß

Am tristen Stadtrand Londons aufgewachsen, hatten sie zunächst, obgleich sie schon lange miteinander befreundet waren, jeder für sich mit unbekannten Gruppen in unbekannten Kneipen gemuckt. Vor zwei Jahren entschlossen sie sich, ihren eigenen Laden aufzumachen, griffen dabei auf die Besetzung des klassischen Beatles-Beat-Quartetts zurück, spielten also mit Leadgitarre, Rhythmusgitarre, Baß und Schlagzeug. Mark Knopfler, als phänomenaler Gitarrist und genau beobachtender Stückeschreiber Kopf und Guru des Unternehmens, sein jüngerer Bruder David, ein sehr englischer Zeitgenosse mit leiser Stimme und scharfer Zunge, an der Rhythmusgitarre, John Illsley am Baß und Pick Withers hinter den Trommeln – diese vier sind im Durchschnitt um dreißig Jahre alt, sind also in der frühreifen Rock-Welt ausgesprochene Spätentwickler.

Aus dem Defizit, nicht mehr ganz jung zu sein – einem in dieser Glamourwelt erheblich zu Buche schlagenden Defizit! – gewinnen sie künstlerisches Kapital. Alle machen schon lange Musik, spielen aber noch nicht anödend lange zusammen. So verbinde^ sie Reife mit Frische; ihre erste Langspielplatte hat sich schnell vom Geheimtip zum Kassenrenner entwickelt und tummelt sich gerade in den oberen Rängen der deutschen wie der amerikanischen Hitparaden. Bei ihrem Hamburger Konzert im vergangenen Winter, dem ersten in Deutschland und ihrem ersten vor fast zweitausend Leuten, gewannen sie die Herzen aller durch ihre mehr swingende als rockende, mehr der amerikanischen coolness als der britischen Forciertheit verpflichteten Musik. Bei den Hanseaten war es Liebe auf den ersten Ton; nicht zuletzt deshalb, weil sich in der Bühnenpräsentation der Gruppe viel Von der unangestrengten Selbstverständlichkeit der Musik widerspiegelte, weil sie auf den sonst üblichen elektronischen Gigantismus verzichtete, Menschenmaß hatte.