Von Peter von Becker

Ohne die Fähigkeit zu erinnern, könnten wir nicht denken; könnten uns nicht denken und wären der eigenen Geschichte und also unser selbst ganz unbewußt: kopflos, fast leblos. Leben aber läßt es sich nur in die Zukunft.

Jetzt, der Augenblick gerade, ist schon dahin – ohne eine Zeithexenmaschine niemals wieder zu erleben. Die Zeit verwandelt uns immerzu unaufhaltsam in Nachfahren des Peter Schlemihl: im Gedächtnis bleibt sogar von uns selber nur der körperlose Schatten von einst – jeder Blick zurück gleicht dem des Orpheus. Und so ist auch das einzige verbindende Motiv aller Literatur das Bild, das Verhängnis des griechischen Sängers.

Vergangenheit und Zukunft, dazwischen freilich geschieht in der Arbeit des Schriftstellers (oder anderer Erfinder und Wiederentdecker) etwas Merkwürdiges. Die Erinnerung an einen vorgefaßten Gedanken verspinnt sich beim Schreiben sogleich mit einem eben noch nicht ganz Gedachten, und das ist die von Mal zu Mal neue Selbstüberraschung der Phantasie, die Kleist im besonderen als die „allmähliche Verfertigung des Gedankens beim Reden“ beschrieben hat.

Im Gedächtnis lauert schon Ungedachtes, erinnernd erfindende Einbildung setzt aus der Vergangenheit über die Gegenwart hinweg, von der die ideale Sekunde nur existiert, da der wirkliche Augenblick auf seiner Flucht ja nie sich stellt. Andauernd und gegenwärtig für die Literatur ist also nur die Suche nach der verlorenen oder der noch kommenden Zeit: Vergegenwärtigung des Vergangenen, trügerisch, fiktiv zwar, oder Wachtraum vom Ungeschehenen. So betrachtet, ist das Utopische der Poesie nicht eine Frage ihrer Moralität – vielmehr ihrer Struktur.

Hinter den Schleusen der Informationsströme und -fluten im neuen Weltland der Medien wächst mit dem Wissen jedoch das Vergessen. „Allen, die es beherbergt, gefällt noch der Schatten der gestrigen Welt, aber er wird dahinschwinden. Und die Welt, die heraufzieht, stürzt bereits, einer Lawine gleich, auf das Gedächtnis von ehemals.“

Dieser Satz Maurice Blanchots trifft heute immer schmerzlicher, denn die gestrige Welt ist auch von ihrer physischen Vernichtung bedroht. Daher doch der jetzt spürbare, erstmals nicht in konservativem Ressentiment à la Spengler begründete Geschichtspessimismus: Wie nie zuvor wird die Beherrschung von Naturkräften zur Zerstörung von Natur und der technisch-zivilisatorische Progreß zum kulturellen Rückschritt. Dafür einfache Beispiele, ein Super-Markt bedeutet ja tatsächlich, die Abschaffung eines Markts (und Orts auch menschlichen Austauschs), oder mit dem Fall gar erst 40, 50 Jahre alter Häuser zerfallen weniger Mauern als Entwürfe zu leben. Verlöschen Bilder und Erfahrungen für immer.