Nun rollt das „Err“ aufs neue, zum Beispiel, wenn Willy Brandt von den „Bürrgerrinnen und Bürrgerrn“ spricht. Bonn hat einen vertrauten Klang wieder im Ohr. Großer Auftrieb herrschte am Dienstag im Parteihauptquartier, als sich der SPD-Vorsitzende nach mehr als acht Wochen Krankheit und Rekonvaleszenz wieder der Presse vorstellte – fast so, als werde jemand neu inthronisiert.

Daß es ihm wieder gutgeht, will der Parteichef „nichtdementieren“, und jedermann kann es ihm auch ansehen. Zwar klappen die kleinen Sottisen noch nicht so ganz, doch das hat wohl nur mit der langen Abwesenheit zu tun. Mit den Zwischentönen hingegen und Brandts vielgescholtener, vielgerühmter Spezialität, Entscheidungen offenzuhalten, bis sich das Ergebnis wie von selbst einstellt – damitging es schon recht gut.

Beim Thema Abrüstung etwa konnte kein noch so spitzes Ohr heraushören, ob er nun mehr der Position Wehners oder der Schmidts zuneigt. Walter Scheels Wort von den „obwaltenden“ Umständen, die ihm eine neue Präsidentschaftskandidatur nicht möglich erscheinen ließen, wird in Brandts Mund zu den „augenblicklichen“ Umständen, und wenn die Erklärung des Staatsoberhaupts, so der SPD-Vorsitzende, für sich selbst spricht, dann gewiß auch ihre Abwandlung durch Brandt.

Sogar eine ganz neue attributive Ableitung war zu vernehmen, bei der Frage nämlich, wie es denn mit der neuen Parteispitze bestellt sein werde, wenn Hans Koschnick sich zurückgezogen habe. Da, so der Vorsitzende mit genüßlich zur Breitwand ausgedehntem Gesicht, gebe es ja glücklicherweise mehr als einen „habilen“ Kandidaten.

Sozusagen vollmundigen Genuß an der Politik findet derzeit, auf seine Weise, übrigens auch ein anderer Sozialdemokrat: der Fraktionsvorsitzende. Die journalistischen Schlachtenbummler in Bonn vermissen schon beinahe etwas, wenn sie im Tageswust nichts von Herbert Wehner entdecken.

Ob nun Abrüstung, Ostpolitik, Präsidentenwahl, Mitbestimmung, Schlendrian in der eigenen Partei oder allzu verfestigte Routine in der Parlamentsarbeit – kaum ein außen- oder innenpolitisches Thema, zu dem sich Wehner, sonst oft grämlich schweigend, nicht äußerte und hinter das er keinen Dampf machte. Und so grimmig seine Äußerungen meist auch klingen, er selbst zeigt sich von gelassener Freundlichkeit, ja geradezu vergnügt. Der fast 73jährige ist, wie alle Ohren- und Augenzeugen finden, mehr denn je in vollem Betrieb.

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