Heinrich Böll: Kein Märchen

Lodemann: Sie haben mit einigen anderen namhaften Autoren den Fernsehanstalten gesagt, daß sie Holocaust möglichst bald im Ersten Programm wiederholen sollten. Und Sie haben angeboten, bei der Aufarbeitung dieser deutschen Vergangenheit mitzuhelfen. Heißt das, daß Sie und die anderen Autoren damit zugeben, daß sie etwas versäumt hätten?

Böll: Ich glaube nicht, daß man es so interpretieren kann. Wir haben uns nur bereit erklärt, mögliche Fortsetzungen mit der Beschäftigung dieses Teils unserer Geschichte (der zu unserer Geschichte gehört wie 1914 und 1870) zu schreiben. Ich glaube nicht, daß die deutsche Nachkriegsliteratur sich vorwerfen lassen müßte, dieses Thema nicht bearbeitet zu haben.

Lodemann: War Holocaust dann nicht ein Schwarzer Freitag für die Wirkung dieser Literatur?

Böll: Ja. Ich glaube, die Wirkung von Holocaust ist ein Anlaß, einmal über unsere ich beziehe eine für mich unbestimmte Zahl von Autoren ein und keine bestimmten – merkwürdigen deutschen Vorstellungen von „populär“, „spannend“ und „Unterhaltung“ nachzudenken. Ich glaube, daß wir über Unterhaltung, Spannung usw. hierzulande viel zu wenig sprechen. Mich spannt ein Roman von Beckett mehr als eine Samstagabend-Unterhaltungssendung. Und er unterhält mich auch mehr. Ich frage mich, ob es nicht – ohne den Zuschauer zu wenig zu respektieren, indem man ihm zu sehr entgegenkommt: Ein Autor, der auf sein Niveau hält, der hat Respekt vor dem Publikum – ob es nicht Möglichkeiten gegeben hätte, das Element zu liefern, das Holocaust diese Wirkung verschafft hat. Nicht mit allen Mitteln dieses Films – auf einer anderen Ebene.

Lodemann: Was sagen Sie zu den erstaunten Reaktionen auf Holocaust bei den Jüngeren? Weist das nicht auf eine ganz andere Art Bildungsmisere als auf die, von der wir immer bisher viel gehört haben?

Böll: Das weist auf etwas hin, was noch nicht genau analysiert worden ist. Es hat sehr viele Veranstaltungen gegeben, sehr viele Publikation nen, für jeden lesbar, Publikationen, die sich mit dem Thema Judenvernichtung beschäftigt haben. Es gibt die Bücher von H. G. Adler über „Theresienstadt“, über den „Verwalteten Menschen“, über die gesamte Bürokratie der Endlösung, lesbar dargestellt. Ich habe den Eindruck, daß man mit der sogenannten „Woche der Brüderlichkeit“, die immer sehr feierlich war, das Thema für erledigt hielt. Daß das in Familien, Schulen, Vereinen, Kirchen dann nicht mehr aufgenommen wurde. Es zeigt sich nun, daß die Jugend nicht informiert worden ist.