Lodemann: Für Sie gerade nicht sehr einfach. Böll: Ich bin drüber weg. Ich habe einen neuen Hausheiligen. Ich nenne ihn Gottfried. Aber er ist ein Nachkomme des Götz von Berlichingen.

Auszug aus einem Gespräch in der Sendung „Literaturmagazin“ des Südwestfunk.

Dieter Forte: Geschichtstabu

Holocaust was here. Die Welt ist nicht mehr das, was sie war. Unordnung herrscht. Die Wissenschaft ist ratlos. Die Kritik steht Kopf. Man fällt sich weinend in die Arme. Es war doch vorher alles so schön abgemacht und aufgeteilt. Die Kritik übernahm die Ästhetik, Ergebnis: fragwürdig. Die Wissenschaft übernahm die Fakten, Ergebnis: fragwürdig. Und jetzt das. Zwischen 30 und 40 Prozent Sehbeteiligung. Einerseits kennt man ja das Volk, hohe Sehbeteiligung gleich schlechte Sendung. Aber kennt man das Volk wirklich, denn andererseits, es war ja keine Unterhaltungssendung, es war das deutsche Tabu. Das ist schwer zu schlucken.

Gräfin Dönhoff schreibt in der ZEIT: „Bei manchen Kritikern ist die Überschätzung und Überbewertung des Ästhetischen auf Kosten des Moralischen zuweilen wirklich erschreckend ... Solch rein ästhetischer Purismus, der keine andere Wertung neben sich duldet, ist außerordentlich gefährlich, weil er nach und nach und fast unbemerkt das Wertsystem verschiebt... An ,Holocaust* zeigt sich auch, daß wissenschaftliche Forschung und intellektuelle Aufbereitung nur oberflächliche Kenntnisnahme von Tatbeständen ermöglicht haben.“

Büchner schreibt zu diesem Thema: „Der dramatische Dichter ist in meinen Augen nichts als ein Geschichtsschreiber, steht aber über letzterem dadurch, daß er uns die Geschichte zum zweitenmal erschafft und uns gleich unmittelbar, statt eine trockene Erzählung zu geben, in das Leben einer Zeit hineinversetzt, uns statt Charakteristiken Charaktere und statt Beschreibungen Gestalten gibt. Seine höchste Aufgabe ist, der Geschichte, wie sie sich wirklich begeben, so nahe als möglich zu kommen.“ Wohl deshalb wurde Büchner auch erst so spät gespielt. Denn wer ein Theaterstück oder eine Fernsehspielserie über eine vergangene Zeit schreibt, gerät unversehens an die Leitplanken der Wissenschaft und der Kritik. Und die schleudern ihn auf die Gegenfahrbahn. Denn da gibt es Institutionen, die diese Vergangenheit verwalten, wenn nicht sogar besitzen. Kommt das Theaterstück zu einer Aufführung oder das Fernsehspiel zu einer Sendung, lädt diese Vereinigung den Autor vor zu einem Tribunal, einem inquisitorischen Verhör, heutzutage leichtfertig Podiumsdiskussion genannt. Er hat Rechenschaft abzulegen. Der Autor und sein Werk gehören auf die Anklagebank, ein Verfahren muß her, warum, natürlich um der Wahrheit willen. Der „schmalbrüstigen Herausforderung des Autors“ tritt man mit der breiten Brust der Wissenschaft entgegen. Man ist sich einig, daß es keine Wahrheit gibt, hingegen aber doch unbestreitbare Tatsachen, daß aber das Zusammenfügen von unbestreitbaren Tatsachen noch lange keine Wahrheit, daß die unbestreitbaren Tatsachen einer Wertung unterliegen, die wiederum keine Wahrheit, aber im Grunde eben doch Wahrheit, weil unbestreitbare Tatsache – man sieht, es ist kompliziert. „Verehrter Kollege von der Ästhetik, wenn Sie übernehmen möchten.“ Er übernimmt. Immer. Und führt aus. Und liquidiert den Autor. Warum das alles? Es ist klar, nur um der Wahrheit willen.

Dabei darf man noch froh sein, wenn die Theateraufführung überhaupt stattfindet, das Fernsehspielüberhaupt gesendet wird, wenn nicht durch ein Gutachten bereits vorher bewiesen wurde, daß... Eine Aufführung sich also erübrigt. Oder noch einen Schritt weiter, wenn sich die Fachleute gleich an die Stelle der Aufführung setzen. Wenn die Wissenschaft sich selbst sendet und die Diskussion als Aufführung versteht. So geschehen bei meinem Theaterstück „Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung“. Das Stück wurde vom deutschen Fernsehen abgesetzt, und statt dessen wurde eine Sendereihe mit Wissenschaftlern angesetzt, die dann streng wissenschaftlich über Thema und Stück diskutieren durften. Eine Inszenierung sondergleichen, in der die Darstellung eines Geschehens von Referaten über das dargestellte Geschehen verdrängt wurde. Eigentlich müßte danach eine erneute Diskussion die stattgefundene Diskussion diskutieren. Man könnte, natürlich auch das Stück senden, aber das geht natürlich nicht. Warum? Es ist klar, nur um der Wahrheit willen. Aber das wird nun in Zukunft alles anders. „Holocaust“ was here.