Von Gunter Hofmann

Bonn, im März

Die Parteien entdecken allmählich wieder die Zukunft. Lange Zeit zeigte sich die SPD von den Folgen des Versuchs verschreckt, Lebensqualität zu definieren; der Orientierungsrahmen ’85 schlummert seit seiner Verabschiedung. Jetzt widmen die Sozialdemokraten eine ganze Kongreß-Serie dem Versuch, die Problemberge der nächsten Jahrzehnte zu besichtigen.

Die Opposition, solches Vorausdenken ohnehin nicht recht gewohnt, hat in der vergangenen Woche eine Reihe prominenter Wissenschaftler über eine „lebenswerte Zukunft“ reflektieren lassen. Die Geladenen haben immerhin viele Gewißheiten in Frage gestellt: über den Markt, Wachstum, Fortschritt und die Funktionsfähigkeit der repräsentativen Demokratie. Manche Zweifel schienen wie Nachrichten von einem anderen Stern empfunden zu werden. Aber die Botschaften über die Zukunft waren gar nicht wirklich neu; so klingen sie nur für eine Politik, die aus Angst vor trüben Aussichten nicht in die Zukunft schauen möchte.

Selbstverständlich ist das nicht für eine Opposition, die auf diesem Feld wenig von grundsätzlichem Umdenken hält, von neuem Lebensstil, von einer alternativen Politik, die der Ökologie wenig Gewicht gegeben hat, die ernsthafte Widerstände gegen Kernenergie – wie jüngst Helmut Kohl – als Hirngespinst linker Exzentriker betrachtet, die sich gegen schärfere Umweltgesetze lange gewehrt hat und meint, wer von Wachstumskrisen rede, zitiere sie herbei. Vor diesem Hintergrund wird nun über alternative „Zukünfte“ diskutiert.

Zweifel an Sinn und Chancen weiteren Wachstums und an dem geltenden Fortschrittsglauben stellen sich nicht zufällig ein. Die Politik ist ja bereits mit sinkenden oder unbehaglich langsam steigenden Wachstumsraten konfrontiert; Iran hat die Abhängigkeit der Industrieländer vom Öl nochmals dokumentiert; die Widerstände gegen die Nuklearenergie, besonders gegen Gorleben, könnten in diesem Jahr dennoch weiter eskalieren. Viel davon war vorhersehbar. Mag die Kritik an den allzu globalen Hochrechnungen des Club of Rome noch so berechtigt sein – vom Ende der Wachstums-Garantie ist beizeiten gesprochen worden. Aurelio Peccei, Gründer und Präsident der internationalen Wissenschaftlergruppe, die sich 1968 zusammengeschlossen hat, stellte jetzt die Union vor die Frage, welche Antwort sie auf die globale Krise des Wachstums geben wolle.

Peccei, sanfter Kritiker herrschender Zustände, stimmte seine Grundmelodie an: all die Automatismen der Vergangenheit, die „unsichtbare Hand’ des Marktes, das Erneuerungsvermögen der Natur und das ausgleichende Wesen der demokratischen Ordnung“ stünden zur Disposition. Mindestens der Club of Roms ist sich heute über einen „Negativtrend“ einig. Danach nimmt die Weltbevölkerung unaufhaltsam zu; der „Mythos eines kontinuierlichen Wachstums“ wird „albern und kostspielig“; eine „wirkliche“ Energiekrise folgt auf die politische Ölkrise; die für das menschliche Leben erforderlichen Globalsysteme werden zunehmend belastet; neue Entwicklungen in der Automation und Mikroelektronik steigern die soziale Ungerechtigkeit; und an „Führungsqualität“ wird es künftig ebenso mangeln wie an Verständnis für den weltweiten Zusammenhang ökologischer und ökonomischer Probleme.