Von Günter Haaf

Für die spanischen Eroberer, die Conquistadores, war es ein uninteressantes, ungesundes Niemandsland, das sie auf dem Weg zu den Schätzen des Aztekenreiches links liegen ließen. Die Mexikaner betrachteten die Provinz als unfruchtbaren, unzugänglichen Hinterhof ihres Landes. Für die Touristen ist es ein eilig absolviertes Pflichtprogramm, das mit dem kulturellen Dreisprung zu den Maya-Stätten Palenque, Uxmal und Chitzen Itza abgehakt wird. Für die Maya ist sie, eineinhalb Jahrtausende nach ihrer Glanzzeit, immer noch eine kärgliche Heimat: die Halbinsel Yucatan im Golf von Mexiko.

Das wird sich ändern. In Zukunft wird Yucatan und seine vorgelagerten Flachmeere das Eldorado einer ölhungrigen Welt sein.

Spätestens seit der amerikanische Präsident Jimmy Carter im Februar das neue mexikanische Selbstbewußtsein spüren mußte, ist der Welt bewußt geworden, daß sich der arme südliche Nachbar der USA in aller Stille zu einem Ölgiganten gemausert hat. Schon verfügt Mexiko selbst nach den sehr vorsichtigen Angaben seiner nationalen Ölgesellschaft über nachgewiesene und mit der heutigen Fördertechnik gewinnbare Ölreserven von fünf Milliarden Tonnen. Das sind die größten als sicher bekannten Lagerstätten in der westlichen Hemisphäre. Da erst zehn Prozent des wahrscheinlich ölhaltigen Gebiets erforscht sind, erwarten die mexikanischen Experten, daß sich ihre Funde noch auf insgesamt 25 Milliarden Tonnen erhöhen. Damit säßen sie direkt nach Saudi-Arabien auf dem zweitgrößten Ölschatz der Erde.

Wie das seriöse britische Fachblatt New Scientist jetzt unter Berufung auf texanische Quellen meldet, glaubt man dort zu wissen, daß die Nachfahren der Maya und Azteken sogar den bei weitem größten ölhort unseres Planeten besitzen. Zwischen 80 und 110 Milliarden Tonnen Erdöl lagern diesen Schätzungen zufolge vor den Küsten und unter dem Dschungel der Provinzen Tabasco, Chiapas, Campeche und Yucatan im Südosten Mexikos. Das wäre dann etwa ebensoviel, wie bisher an sicheren Reserven auf dem übrigen Globus nachgewiesen wurde.

Die politischen und wirtschaftlichen Folgen der Entdeckung dieses „zweiten Persischen Golfes“ an der Hintertür der USA lassen sich noch kaum abschätzen. Und noch ist nicht abzusehen, wieviel schwarzes Gold die Explorateure in und um Yucatan finden warden. Nur eines scheint sicher: Das Ausmaß des mexikanischen ölbooms wird alle früheren Erwartungen übertreffen.

Die schier unglaublichen Zahlen aus Mittelamerika könnten – zumal in einer Zeit nahöstlicher Ölkriselei – als optimistische Durchhalteparolen unbelehrbarer Wachstumsfanatiker gelten, wären sie nicht auf harte geologische Fakten gestützt. Details über die Ursachen der wundersamen Vermehrung mexikanischer ölreserven berichtete unlängst New Scientist.