Von Dietrich Strothmann

Wir sind in diesen Tagen Zeugen eines einmaligen Vorgangs in der jüngsten Geschichte: Der Führer einer Weltmacht, Präsident Jimmy Carter, setzt sein ganzes Prestige ein, um seine Vermittlerrolle im Nahost-Konflikt zu krönen und dem israelisch-arabischen Friedensvertrag zum Abschluß zu verhelfen. Carter reist zu den beiden Kontrahenten, nach Kairo zu Sadat und nach Jerusalem zu Begin, ohne sich des Erfolges seiner kühnen Diplomatie völlig sicher sein zu dürfen. Ein so hohes Risiko wagen Staatsmänner selten.

Gewiß darf angenommen werden, daß die Kompromißformeln, die Carter mit Begin nach dreitägigem zähem Ringen ausgehandelt hat, auch von Sadat – per Telephon – prophylaktisch gebilligt worden sind. Aber nach den Erfahrungen von Camp David bleibt ein Rest von Ungewißheiten und Unwägbarkeiten.

In der Sicht der Israelis sind alle Hindernisse aus dem Weg geräumt. Sie akzeptieren die amerikanische Formulierungshilfe für die bisher zwischen Kairo und Jerusalem heftig umstrittenen Vertragsabschnitte: Erstens soll Ägypten anerkennen, daß der Friedensvertrag Vorrang besitzen wird gegenüber anderen und schon früher abgeschlossenen militärischen Beistandsverträgen, die es mit seinen arabischen Bruderstaaten für den Fall eines syrisch-irakischen Angriffs auf Israel geschlossen hat; zweitens muß Israel schon einen Monat nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages Verhandlungen mit Ägypten über eine Palästinenser-Autonomie in Westjordanien und Gaza aufnehmen und nach zwölf Monaten beendet haben. Für dieses Zugeständnis erhielt Begin von Carter Garantiezusagen für Israels Sicherheit – Waffen, Öl und Geld.

Was aber, wenn sich Sadat der Zähmung durch den amerikanischen Zuchtmeister verweigert? Immerhin kann nicht ausgeschlossen werden, daß Saudi-Arabien einen Strich durch die Rechnung macht. Wegen der iranischen Revolution und des jemenitischen Grenzkrieges sehen die Saudis Gefahren für ihre eigene Zukunft; sie könnten Sadat den Rückhalt, vor allem auch die finanzielle Hilfe aufkündigen. Was nützt dann Carters Absicht, Ägypten – wiederum mit Waffen – zum neuen Sheriff einer schwankenden Golfregion auszurüsten? Was erst recht seine Hoffnung, mit einem ersten Nahost-Frieden freie Hand für eine neue Politik der Stabilisierung in dieser Region zu bekommen? Noch ist nicht ausgemacht, ob sich Carter für seinen waghalsigen Sprung ins stürmische Wasser genügend abzusichern vermochte.

Auch im Falle neuer Schwierigkeiten würden wohl immer noch Chancen verbleiben; das zeigt der Ablauf der engagierten Friedensdiplomatie Jimmy Carters, die voriges Jahr in Camp David begann und der sich nach unüberwindbar erscheinenden Komplikationen dennoch neue Auswege öffneten. Auf der anderen Seite: Je mehr Zeit verstreicht, desto größer die Gefahr, daß günstige Konstellationen unwiderruflich dahinschwinden. Der Euphorie nach Sadats historischem Auftritt in Jerusalem folgten Phasen, wo kleinlich gefeilscht, Forderungen hochgeschraubt und Pressionen ausgeübt wurden. Währenddessen begann sich die Nahost.-Landschaft radikal zu verändern: Die Syrer söhnten sich mit den Irakern aus, die Jordanier schlossen sich der arabischen "Verweigerungsfront" gegen Sadat an, im Iran brach das Feuer der Revolution aus, die Sowjets setzten in Südjemen ihr Störpotential ein, die ängstlichen Saudis leiteten ihre Distanzierung von Amerika ein und erwägen inzwischen die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Moskau.

Hätten Sadat und Begin damals ahnen können, an welchen Klippen der Friede scheitern könnte, sie hätten wahrscheinlich ihre Verhandlungspositionen nicht weiter ausgereizt und gleich unterschrieben.