Die Chinesen sind anscheinend geneigt, die Strafe, die sie über das ehemalige sozialistische Brudervolk in Vietnam verhängt haben – eine Art „Denk-Zettel“ – zur Bewährung auszusetzen. Sollten die Vietnamesen allerdings ihre chinesische Lektion nicht gründlich gelernt haben, dann, so drohen die strengen Richter in Peking, müssen sie mit einer neuen Strafexpedition rechnen.

Damit haben die Chinesen eine neue Seite im alten Völkerstrafrecht aufgeschlagen, und wir können nur hoffen, daß der Nachahmungseffekt die Schweizer nicht dazu verführt, beim ersten besten Ärger über Liechtenstein herzufallen.

Weil aber böse Beispiele leicht gute Sitten verderben, fragten wir den bekannten Völkerstrafrechtler Prof. Kriegsfuß: „Könnte das chinesische Beispiel nicht Schule machen? Fast jeder von uns hat doch lästige Nachbarn, gegen die er liebend gern einmal eine Strafexpedition unternehmen würde, um zumindest ihr nervtötendes Klavier kurz und klein zu hacken.“

„Das würde ich ihm nicht empfehlen. Zwischen unserem bürgerlichen Recht und dem Faustrecht der Staaten untereinander bestehen doch gewisse Unterschiede. Mal so gesagt: Wenn man unser privates Recht auf die Regierung einiger Staaten anwenden würde, dann gehörten eine ganze Menge von Politikern wegen Einbruch, Sachbeschädigung, Körperverletzung womöglich mit Todesfolgen, und so weiter lebenslänglich hinter Schloß und Riegel.“

„Ist es wirklich so, daß jeder Staat, der sich über seinen Nachbarn geärgert hat, diesen bestrafen kann, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden?“ fragte ich empört.

„Praktisch ja. Aber ein Fidel Castro war immer besonnen genug, die Vereinigten Staaten zwar zu reizen, aber nie frontal anzugreifen.“

„Kommt es nie vor, daß eine Großmacht von kleineren Mächten bestraft wird?“ wollte ich wissen.