Von Klaus-Peter Schmid

Paris, im März

Um die Mittagszeit des 28. Februar sitzen im Flughafen von Pointe-à-Pitre auf der Antilleninsel Guadeloupe zwei Männer’ und diskutieren mit freundlicher Miene. Der eine, Präsident Valéry Giscard d’Estaing, macht auf dem Weg zu einem Staatsbesuch in Mexiko gerade eine Zwischenlandung mit seiner Concorde. Der andere, Claude Labbé, Präsident der gaullistischen Fraktion der Nationalversammlung, debattiert seit ein paar Tagen mit seinen Fraktionskollegen unter der Antillensonne.

Dann wird Labbé ans Telephon gerufen: Sein Parteichef Jacques Chirac wolle ihn aus Paris sprechen. Labbé entschuldigt sich bei Giscard – und bleibt zwanzig Minuten verschwunden. Als er in den Salon d’honneur zurückkommt, hat Giscard das Weite gesucht. Dabei hätte er von dem ratlosen Labbé erfahren können, daß Chirac zusammen mit den Kommunisten und Sozialisten eine Sondersitzung des Parlaments durchzusetzen gedenkt.

Die Episode von Guadeloupe ist bezeichnend für das Psychodrama, das sich seit Monaten zwischen den Pariser Regierungspartnern abspielt. Was mit Eifersüchteleien anfing und mehrfach in lauten Streit ausartete, mutet mittlerweile wie eine gestandene Midlife-Crisis an. Sogar von Scheidung ist ständig die Rede, nur wissen die Beteiligten, daß der Preis dafür entschieden zu hoch wäre. So kommt man schlecht und recht miteinander aus, schlägt in aller Öffentlichkeit aufeinander ein und scheut selbst vor Beschimpfung und Demütigung nicht zurück.

Als Jacques Chirac in Guadeloupe anrief, war gerade Le Monde mit einem Interview von ihm erschienen, das weder Giscard noch Labbé kennen konnten. Für ihr Gespräch war das sicher besser so, denn Chirac feuerte ein paar volle Breitseiten gegen die Regierung ab. Nur von der Sondersitzung des Parlaments ließ er nichts verlauten. Schließlich war das eine Idee der Opposition, und Labbé hatte die Sozialisten Anfang Februar wissen lassen, seine Partei sei nicht daran interessiert, sich einer solchen Initiative anzuschließen. Doch am Abend des 28. Februar las man’s anders. Chirac und seine Freunde verlangten eine Wirtschaftsdebatte – und zwar sofort.

Natürlich hatte Chirac seine "Freunde" wie üblich gar nicht gefragt, was sie von seinem Frontwechsel hielten. Doch er kalkulierte wohl wie immer: Wenn der große Vorsitzende spricht, ist ihm der Beifall sicher. Auch auf Guadeloupe applaudierten die Volksvertreter nach der unvermeidlichen Schrecksekunde. Gewiß, ein paar Altgaullisten machen den autoritären Zirkus nicht mehr mit und sind auf Distanz zu Chirac gegangen. Doch die braven Abgeordneten ließen sich auch diesmal gefügsam vergewaltigen. Sie vertrauten Chiracs "Riecher". Der signalisierte ihnen soziale Unruhe, das heißt genau das, was am besten in die gaullistische Strategie paßt. Denn Ruhe im Lande macht sie entbehrlich.