München

Wenn Bauer Franz Kraft mit dem Trecker über seinen Hof rollt, hört er manchmal Düsengeheul aus dem alten Motor dringen. Er riecht Kerosingestank und fühlt hinter seinem Rücken den Luftzug startender Flugzeuge. Die Halluzinationen von Franz Kraft haben eine reale Ursache: Auf seinem Anwesen will der Freistaat Bayern einen modernen Airport errichten, den Großflughafen München II. Franz Kraft gehört zu den letzten hundert Grundstückseigentümern, die mit den Landaufkäufern für das neue Flughafenareal nichts zu tun haben wollen. „Solch ein neuer Jet-Tummelplatz ist überflüssig wie ein Kropf“, schimpfen sie, die nun schon seit elf Jahren dem Milliafdenprojekt ihr Veto entgegenschleudern.

Ihr Aufstand begann 1968, als der damalige Ministerpräsident Alfons Goppel beschloß, ein neuer Hafen müsse her. Der beste Standort, so entschied er, sei das Erdinger Moos.

Rund zwanzig Ortschaften zwischen den Gemeinden Erding und Freising sind von dem Projekt durch Grundstücksabtretung, Grundwasserabsenkung, neue Straßenplanungen und Lärmschutzschonen betroffen. Eine Ortschaft muß gänzlich vom Erdboden verschwinden: Franzheim, die Heimat von Franz Kraft. Der robuste Landwirt und Maschinenschlosser, der das preisgekrönte Flughafenmodell von „München II“ im Laufe der Jahre diversen Ausstellungen skeptisch beurteilt hat, kann inzwischen penibel genau den Punkt angeben, an dem später ein landender Jumbo-Jet mit den Rädern aufsetzt: Auf seiner Scheune! Die meisten seiner Nachbarn haben nach zermürbendem Behördenkrieg die Flucht ergriffen. Sie akzeptierten schließlich die Kaufofferten und Ersatzlandangebote der Flughafen-Riem GmbH. Die letzten siedelten kurz vor Weihnachten in eine angewiesene Reserveheimat um. Zurück blieben nur drei eiserne Flughäfengegner: Franz Kraft, der junge Tierarzt Heiner Hamburger mit Familie sowie die 84jährige Bäuerin Agathe Liebl mit ihren Kindern Anna und Georg. Vor 55 Jahren begann sie zusammen mit ihrem Mann, sich in der damals noch unwirtlichen Gegend eine Existenz aufzubauen. Jetzt stehen zwölf Kühe im Stall, und 36 Tagwerke Land liefern Gemüse und Weizen. Daß sie auf ihre alten Tage noch einmal die Scholle wechseln soll, will ihr nicht in den Kopf. „Noi, noi! Hier bleib’ i’, bis daß i’ sterb’.“

Ihre Chancen seheinen günstig. Denn die Optimisten unter den Flughafengegnern glauben: „Vor 1990 fliegt hier keine Maschine. Wenn überhaupt...“ Einer der lautstärksten Propagandisten dieser These ist der Anwalt der Widerständler, die sich in einer „Schutzgemeinschaft gegen den Flughafen“ und in einem „Grundstückseigentümer-Verein“ zusammengeschlossen haben, Hans Christian Kopf. Er beschäftigt sich seit elf Jahren damit, alle juristischen Wege und Winkelzüge gegen das „Monster im Moos“ auszuschöpfen.

Die Protestbilanz verzeichnet bis heute 26 332 Einsprüche; bei 242 Anhörungsterminen brachten die Gegner des Superhafens inzwischen ihre Einwände vor. Ihre Klagen über die Zerstörung der Landschaft, die erbarmungslose Vertreibung von vielen Hundert Menschen, die Beeinträchtigung der örtlichen Wirtschaft und die Unersetzlichkeit des wertvollen Bodens, auf dem Kräuter wie Dill, Kerbel, Pfefferminze, Petersilie und feine Gemüse besser wachsen als in jedem anderen Stück bundesdeutschen Ackerlandes, füllen bereits 8000 Seiten. Der letzte Erfolg der Kopfschen Aktionen: Das Berliner Bundesverwaltungsgericht forderte kürzlich noch einmal die Überprüfung des luftrechtlichen Genehmigungsverfahrens. Und Anwalt Kopf frohlockt: „Die Rechtsmittel sind noch nicht ausgeschöpft. Jede Verzögerung vergrößert die Chance, das ganze Projekt zu stürzen.“

Die Drohung wirkt offenbar schon auf der Gegenseite. Die Flughafen-Riem GmbH, steckt jetzt weitere elf Millionen. Mark in den Ausbau des alten Flugplatzes, der angeblich schon seit Anfing der siebziger Jahre aus allen Nähten platzt. Dagegen sind wiederum die Anwohner der Riemer Startpisten. Sie aktivieren ihre politischen Vertreter zu Protestdemonstrationen gegen Riem, über das derweil jährlich rund 5,6 Millionen Fluggäste geschleust werden.