Das Bonner Raketen-Rätsel

Von Theo Sommer

Strategische Debatten sind bei uns stets in Gefahr gewesen, sich in Emotionen zu verlieren, in Klischees steckenzubleiben oder in Trugschlüsse zu münden. In der gegenwärtigen Debatte, wo es um die Frage geht, wie die Bedrohung Westeuropas durch die neuen russischen Mittelstreckenraketen gebannt werden kann und wie sich die stagnierenden Truppenabbauverhandlungen in Wien endlich flottmachen ließen, ist es kein bißchen anders.

Bei dem Raketenthema werden auf allen Seiten drei Grundtatsachen gern übersehen oder unterschlagen:

Erstens: Diese Bedrohung ist keineswegs neu. Wir leben seit bald einem Vierteljahrhundert mit solch einem Ungleichgewicht in der eurostrategischen Grauzone. In quantitativer Hinsicht ist die Lage heute sogar besser: Von den ursprünglich 750 Mittelstreckenraketen des Typs SS-4 und SS-5 sind etwa 200 inzwischen an die innerasiatische Landesgrenze der Sowjetunion verlegt worden; neu hinzugekommen sind an Raketen des Typs SS-20 zwar rund 120, doch stehen zwei Drittel davon in Fernost und Mittelasien, so daß sie Westeuropa nicht erreichen können. Qualitativ, sieht es ungünstiger aus: Die neuen Raketen tragen je drei Sprengköpfe, vor allem aber sind sie nicht in festen Stellungen postiert, sondern sind landbeweglich, ähnlich den Pershing-Raketen im Bundesgebiet. Die Wahrheit ist freilich: Gegen mobile Raketen gibt es überhaupt keine Gegenwaffe.

Zweitens: Der Westen hatte dem auf Europa gerichteten sowjetischen Mittelstreckenpotential nie etwas Vergleichbares entgegenzusetzen und wollte dies auch gar nicht. Es galt der Grundsatz, daß die Gegengewichte für Europa bereitgestellt werden mußten, nicht unbedingt in Europa. Das nuklearstrategische Potential der Vereinigten Staaten, die von den Nato-Europäern mitbestimmte SIOP-Zielplanung, reichte dafür völlig aus. Das ist heute noch genauso – es sei denn, die Europäer hätten mittlerweile das Vertrauen in die Entschlossenheit des US-Präsidenten verloren, zu ihrer Verteidigung notfalls auf den Atomknopf zu drücken. Dann bliebe allerdings unergründlich, weshalb sie darauf bauen wollten, der Präsident werde amerikanische Raketen in Europa leichteren Herzens auf den Flug nach Osten schicken – als ob sich die Sowjets durch diesen Trick mit dem "zweiten Wohnsitz" wirklich über den wahren Absender täuschen ließen.

Drittens: Daß nicht längst über die Grauzonenwaffen verhandelt wird, ist die Schuld des Westens – und in nicht geringem Maße die der Bundesrepublik. Die SS-20, da sie durch Anfügung einer dritten Stufe zur Interkontinentalrakete SS-16 aufgemöbelt werden kann, war den Amerikanern von Anfang an suspekt; sie hätten gern beide Raketen in die Salt-Verhandlungssubstanz einbezogen – aber aus Bonn kam damals keine Ermutigung, wie überhaupt Hardthöhe und Auswärtiges Amt alles aufs peinlichste vermieden, was unsere eigenen Grauzonenwaffen in Verhandlungen mit den Sowjets hätte einführen können. Es war dann in Wladiwostok Ende 1974 ein ausgesprochenes Zugeständnis Breschnjews, daß er von seiner Forderung nach Einbeziehung dieser Waffen abließ.