Zwei Szenarios für Vietnam und Asien

Von Ross Terrill

Als Saigon im Jahre 1975 den Kommunisten in die Hände fiel, bemerkte Henry Kissinger zu einem chinesischen Funktionär: „Wir sind in Vietnam besiegt worden, Sie werden jetzt die Konsequenzen zu tragen haben.“ Er sollte recht behalten. China hat nun entschlossen jene „Konsequenzen“ bereinigt, so wie sie sich innen darstellten – als vietnamesische Anmaßung und Sowjethörigkeit.

Die Offensive der 200 000 Chinesen gegen Vietnam war kühn, kapital und klotzig. Pekings militärische „Lösung“ enthüllt einen früheren diplomatischen Fehlschlag. Denn der Krieg ist weder durch das Grenzproblem verursacht worden noch durch die Krise wegen der 180 000 Auslandschinesen, die im vorigen Jahr aus Vietnam in die chinesische Provinz Kwangsi flüchteten. Woran China wirklich zu schlucken hatte, war die Freundschaft zwischen Hanoi und Moskau.

Wie schon der amerikanische Außenminister John Foster Dulles in einer früheren Epoche, halten auch die Chinesen den Neutralismus für unmoralisch. Bereits 1974 machten sie klar, daß sie es Vietnam nicht durchlassen würden, sich zu Moskau ebenso freundlich zu verhalten wie zu Peking. Leider wurde Hanoi gerade dadurch in ein förmliches Bündnis mit Moskau getrieben.

Zum richtigen Zeitpunkt

Jetzt ist die Unduldsamkeit der Chinesen in Gewalttätigkeit umgeschlagen. Peking kann keinen Stolz darüber verspüren, daß China, zum erstenmal in der dreißigjährigen Geschichte der Volksrepublik, Krieg gegen einen Gegner führt, der nur ein Bruchteil von der Größe Chinas ausmacht (Vietnam, Kambodscha und Laos haben zusammen gerade soviel Menschen wie die chinesische Südprovinz Kwangtung).