Von Marion Rollin

Ein ungewohntes Bild bietet sich in der ersten Klasse der Westerschule in Hamburg-Finkenwerder: 25 Kinder sitzen in Vierergruppen an ihren Tischen, haben aufgeschlagene Rechenbücher vor der Nase und in jeder Runde einen Erwachsenen unter sich. Nur einer der acht ist gelernter Pädagoge, die anderen sind Eltern von Klassenkindern. Zum Beispiel Frau Husmann. Sie sitzt am Tisch von Manolito, Nicole, Lars und Halil. Ihr Sohn Maik arbeitet in einer anderen Rechengruppe zusammen mit Halils Vater, dessen Schichtdienst in der Werft erst am Nachmittag beginnt.

Rote und gelbe Punktgruppen sind den Zahlen 1 bis 10 zuzuordnen, Frau Husmann hilft Halil, wenn er nicht weiter kann, sie lobt Nicole, weil sie alles richtig gemacht hat, und sie beruhigt Lars, der langsam arbeitet und sich zu Unrecht gehetzt fühlt. Die Kinder haben offensichtlich Spaß daran, daß Frau Husmann aufmerksam zuhört und hinschaut, daß sie häufig „drankommen“ und nicht warten müssen, bis Frau Wutzdorff, die Klassenleiterin, Zeit für sie hat.

Frau Wutzdorff arbeitet schon seit acht Jahren zusammen mit Eltern im Unterricht. Damals waren die Bedenken dagegen gerade bei den Lehrern groß. Die Eltern würden ihnen hineinreden, sie kontrollieren, meinten sie, und die Lehrer hatten deshalb wenig Neigung, gar noch Zeit zu opfern, um unerfahrene Eltern auf die Mitarbeit vorzubereiten. Frau Wutzdorff machte andere. Erfahrungen. Für sie sind die Eltern eine gute Unterstützung. Sie geht von Tisch zu Tisch. Sie hat den Überblick und trägt allein die Verantwortung für das Unterrichtsprogramm. „Natürlich habe ich es vorher mit den Eltern durchgesprochen“, sagt sie und gesteht, daß die Vorbereitungszeit mit den Eltern vor allem zu Beginn des Schuljahres recht mühsam ist. „Aber es zahlt sich schon nach einiger Zeit aus, wenn die Eltern ihre eigenen kleinen Gruppen leiten können.“

Frau Wutzdorff fühlt sich von den Eltern keineswegs kontrolliert oder bedrängt: „Im Gegenteil, seit die Eltern mit am Unterricht teilnehmen können, sind sie viel verständnisvoller mir gegenüber geworden. Sie sehen, daß wir Lehrer auch nur Menschen sind, die Fehler machen können. Die Fronten zwischen uns Lehrern und Eltern werden also sogar eher abgebaut.“

Daß Eltern und Lehrer endlich enger zusammenarbeiten, ist vor allem pädagogisch sinnvoll. „Wie oft sind die Kinder zwei völlig unterschiedlichen Erziehungsstilen in Schule und Familie ausgeliefert und werden hier wie dort verunsichert“, sagt Frau Wutzdorff. „Darüber können wir natürlich jetzt viel besser reden.“

Die Westerschule war damals eine der ersten in Hamburg, die den Versuch der Elternmitarbeit startete. Im letzten Schuljahr waren es bereits 122 Schulen, die ihre Tore für die Eltern öffneten; insgesamt 1546 Mütter und 39 Väter arbeiteten beim Rechnen, Basteln, Lesen oder beim Sport mit. Die Erfahrungen damit waren so positiv, daß Hamburgs Schulsenator Joist Grolle jetzt das Versuchsstadium abschloß und Elternmitarbeit für alle Grundschulen für die erste bis vierte Klasse freigab. Die einzelnen Schulen bestimmen Art und Umfang der Elternmitarbeit selbst. „Auf staatliche Reform ist bewußt verzichtet worden“, sagt Professor Grolle.