Von Ulrich Schiller

Washington, im März

In dieser Stunde waren Lob und Zuspruch nahezu einhellig. Kritiker wie Verteidiger der Amtsführung Carters priesen den Präsidenten für seinen Entschluß, zur Rettung des israelischägyptischen Friedens selber nach Ägypten und Israel zu fliegen. Zur Rettung, wirklich? Hatte er die Friedensverhandlungen mit seinen jüngsten Vermittlungsvorschlägen nicht schon vorher gerettet, ja gerettet haben müssen, wenn er nicht als Spieler gelten will, der sein Restkapital auf. eine Karte setzt? Vielleicht umgibt Carter seine Reise absichtlich mit einem Flair des Ungewissen, mit dem Wetterleuchten der seiner Mission noch dräuenden Gefahren, damit der angeschlagene Friedensheld von Camp David nur um so strahlender daraus hervorgehen kann.

Nicht wenige Diplomaten in der amerikanischen Hauptstadt befürchten, der Präsident führe der staunenden Welt einen Hochseilakt ohne Netz vor. Doch bei den führenden Politikern im Kongreß überwiegt die Überzeugung, der Präsident habe alle Risiken ausreichend kalkuliert; er sei mit der Zustimmung des israelischen Kabinetts zu seinen Vermittlungsvorschlägen und mit der Gewißheit auf Reisen gegangen, daß auch Sadat ihnen zustimmen könne. Der republikanische Senator Javits aus New York hat aus intimer Kenntnis der Materie und des jüdischen Denkens den farbigen Satz geprägt: "Ich denke, daß er Carter) ein gewisses Risiko eingeht, doch wenn das Risiko größer ist, als ich denke, daß er es eingeht, dann ist er verrückt."

Das Weiße Haus hat andere Akzente gesetzt. Dort wurde die Parole ausgegeben, wenn jetzt nicht etwas ganz Außerordentliches geschehe, dann seien die Aussichten für ein Scheitern aller Friedensbemühungen "überwältigend" groß. Verkleidet in die dürre Formulierung, der Präsident wolle in Ägypten und Israel Fragen des Friedensvertrages, bilaterale und regionale Probleme erörtern, läßt das Weiße Hause gleichzeitig aber den kühnen Ausblick und die große Hoffnung erkennen, die Carters Nahostreise bestimmen. Im Erfolgsfalle könnte der Präsident

  • den israelisch-ägyptischen Frieden endlich herbeiführen,
  • sein umstrittenes Ansehen als führungsfähiger Mann im Umgang mit der Macht wieder festigen
  • im Nahen Osten eine Wende des politischen Trends herbeiführen, der seit der Revolution in Iran so sichtlich gegen Amerika gekehrt ist.

Keiner der drei Gipfelstürmer von Camp David hatte die Schwierigkeiten vorausgesehen, die sich bei der Destillierung eines hieb- und stichfesten Vertrages aus dem von Carter, Sadat und Begin unterzeichneten Rahmenabkommen für den Frieden im Nahen Osten ergäben. Als das Datum für den Friedensvertrag, der 17. Dezember, verstrichen war, drohte das Unternehmen Camp David an Siechtum zu verenden.