irsche legen sich nicht immer wieder ein neues Geweih zu, nur um eventuell eines Tages besondere Aufmerksamkeit in der Trophäensammlung ihres Jägers zu erwecken. Warum die Gehörnten „aber dennoch regelmäßig ihren Kopfschmuck erneuern, bereitet Wissenschaftlern schon lange Kopfzerbrechen. Doch erst jetzt haben kanadische Biologen dieses Rätsel zufriedenstellend gelöst.

In jedem Jahr werfen beim Abklingen der Brunft die Männchen von Hirsch, Reh und Elch ihr Geweih ab, um sich im folgenden Jahr ihre Stirnwaffen erneut für Brunft- und Abwehrkämpfe wachsen zu lassen. Verantwortlich für den Abwurf des „Gestänges“ ist die Wirkung von Geschlechtshormonen; die Neubildung erfolgt unter dem Einfluß von Schilddrüsensekreten – das ist seit geraumer Zeit bekannt. Doch obwohl die Steuerungsvorgänge für Abwurf und Neubildung sowie die Funktion der Geweihe – nämlich als Waffe für Brunftkämpfe zu dienen – für Biologen längst keine Geheimnisse mehr sind, blieb die Frage, welcher tiefere Sinn wohl hinter dem alljährlichen Wechsel des Kopfschmucks steckt. Schließlich würde es das alte Geweih doch auch im neuen Jahr tun.

Mit verschiedenen Hypothesen suchten die Experten eine befriedigende Erklärung. So gibt es die Vorstellung, daß Geweihe der Mineralien- oder Hormonspeicherung dienen. Da diese Substanzen nur für eine gewisse Zeit des Jahres – eben die Periode des Geweihtragens – aufbewahrt werden sollten, könnten sich die Tiere anschließend des leeren, also unnützen Speichers entledigen. Einer anderen These zufolge entwickelten sich die Geweihe als Organe zur Abgabe überschüssiger Wärme, sozusagen als „Köhler“, die nur für die besonders „heiße Zeit“ benötigt werden.

In einer der letzten Ausgaben der Zeitschrift für Säugetierkunde verwerfen nun die Biologen V. Geist und P. T. Bromley von der Universität Calgary in der kanadischen Provinz Alberta diese Vorstellungen. Sie sind der Meinung, daß die Männchen ihre Stangen deshalb abwerfen, weil sie nach der Brunft geschwächt sind und das Tragen des Geweihs Raubtieren ihren erschöpften Zustand signalisieren würde. In gemischten Herden würde eine Selektion gegen geweihtragende Männchen einsetzen, vor allem gegen völlig geschwächte. Nach dem Abwurf der Stangen jedoch sind die erschöpften Böcke von Raubtieren in der übrigen Herde kaum auszumachen und deshalb gegenüber Feinden geschützt. Horst Güntheroth