Bismarck hätte nie in den Begriffen von Ost und West gedacht, von denen heute stets die Rede ist. Für ihn gab es vier europäische Großmächte, mit denen er rechnen mußte, aber die Himmelsrichtungen spielten keine Rolle“, meinte ein Historiker und machte mit dieser Bemerkung deutlich, wie artifiziell die ideologisierte Welt ist, in der wir seit dem Zweiten Weltkrieg leben. Wie kompliziert demzufolge unsere außenpolitische Situation geworden ist, machte ihrerseits die Debatte sehr augenfällig, die Amerikaner, Engländer und Franzosen mit Deutschen im Institut von Aspen, Berlin, in der vergangenen Woche geführt haben.

„Werden die Russen nicht eines Tages die deutsche Karte spielen?“ fragte besorgt ein Engländer. „Es könnte doch sein“, erläuterte er, „daß sie euch Wiedervereinigung gegen Neutralisierung anbieten, wie schon einmal 1952, als ihr noch nicht die Selbstsicherheit besaßt, darauf einzugehen.“ Die deutsche Antwort: „Das können sie schon wegen ihrer osteuropäischen Partner nicht tun.“

Ein Amerikaner interpretierte „die deutsche Karte“ ein wenig anders: „Die Sowjets sind zur Zeit auffallend zuvorkommend mit euch, das ist ihr Zuckerbrot – und die Peitsche, das sind die drohenden neuen Mittelstreckenraketen. Auf diese Weise sollt ihr gefügig und zu Vertretern der russischen Argumente in der westlichen Allianz gemacht werden.“

„In der Tat“, fiel ein Franzose ein, „euer Sonderinteresse an der Entspannung ist schon wegen Berlin so groß, daß ihr immer bereit sein werdet, die Politik der Sowjets positiver zu interpretieren als die meisten eurer Bündnispartner.“

Die deutschen Einwendungen: „Es gibt gar keine Alternative zu unserer Westpolitik. Der Lebensstil, das Identitätsgefühl, die Vorstellungen von Zivilisation, unsere wirtschaftlichen und technologischen Interessen, alles fesselt uns an den Westen, läßt eine Alternative ganz undenkbar erscheinen.“ Dennoch: Das Rapallogespenst scheint umzugehen.

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Alle redeten über Rapallo, auch wenn sie schworen, nicht daran zu glauben – Ostpolitik hin oder her. In Rapallo hatten sich 1922 die beiden Außenseiter der Weltpolitik – die junge deutsche Republik und das nachrevolutionäre Rußland – überraschend über die Wiederherstellung ihrer diplomatischen Beziehungen gereinigt. Es war eine vergleichsweise harmlose Verbindung, aber dennoch geistert „Rapallo“ seitdem als Symbol eines sowjetisch-deutschen Alleinganges durch die europäische Politik.